Sanktima und das Erbe des Blutes

 

Manchmal ist es gut, sich Schlafen zu legen, bevor die letzte Kerze heruntergebrannt und die letzte Glut im Kamin erloschen ist. Man träumt besser, wenn noch ein wenig Licht durch die müden Augenlider schimmert.

Seufzend legt Sanktima den Federkiel beiseite und reibt sich die Nasenwurzel. Das Arbeiten an ihren Pergamenten macht ihr in letzter Zeit Mühe, die Augen wollen nicht mehr so recht und ihre Hand zittert oft so, dass sie mehrmals ansetzen muss, um ein Wort zu vollenden. Ihre Hände. Sie schaut darauf und sieht die faltigen Hände einer alten Frau, die knotigen Gelenke, die spröden Fingernägel. Wie kann das sein? Waren diese Hände nicht eben noch glatt und stark gewesen? Hatten sie nicht unnachgiebig das Schwert geführt gegen eine nicht enden wollende Schar von Feinden? Hatten sie nicht erst gestern zärtlich über eine geliebte Brust gestreichelt, durch erdduftendes Haar gefasst? Wo war die Zeit geblieben…?

Ächzend steht Sanktima auf und zieht fröstelnd das schwere Wollcape fester um die Schultern. Hier oben in Kirthafen hatte sie ein friedliches Zuhause gefunden, doch das in die Erde hineingebaute Steinhaus war gerade im Herbst oft kalt und ein wenig klamm. Das war ihr früher gar nicht so aufgefallen. Mit kleinen schlurfenden Schritten geht sie hinüber zum Kamin, legt noch ein Holzscheit nach. Eigentlich hätte sie noch ein wenig Hunger, ein Glas Milch und ein geriebener Apfel vor dem Zubettgehen wären schön, doch dafür noch einmal die Treppe hinauf bis in die Küche? Sie kann auch morgen etwas essen. Erschöpft setzt sie sich auf das Bett.

Ihr Blick fällt auf das Porträt, das auf ihrem Nachttisch steht. Ein Nachtelf ist darauf zu sehen, ein großer Jäger mit wildem Bart und langem Haar, die Augen nachdenklich und sanft und ein wenig traurig. Vorsichtig nimmt sie das Bild und hält es ganz nah vor ihre Augen, um es liebevoll zu betrachten. Wie gnädig die Zeit zu den Nachtelfen war, und wie grausam zu den Menschen. Zu kurz, viel zu kurz…

Im Glas des Bilderrahmens spiegelt sich ihr Gesicht genau über dem Gesicht des Jägers, und für einen Moment sieht sie sich jung, die Haut straff und die Augen klar und strahlend, die Lippen voll und weich, die Wangen rosa und glatt. Sie erinnert sich wieder, kann den warmen Sommerwind auf ihrer Haut spüren, duftend nach Moos und Waldblumen, hört sein sanftes, tiefes Lachen und ihr eigenes helles Lachen, unbeschwerte Momente, für die Ewigkeit. Zeit ist ein Geschenk, und sie war dankbar für jeden Augenblick. Das Bild verschwimmt vor ihren Augen, seufzend und mit zitternder Hand stellt sie das Porträt wieder auf den Nachttisch.

„Mein Liebster…“, flüstert sie, streicht einen Kuss von ihren Lippen und berührt noch einmal mit den Fingerspitzen das Abbild ihrer Liebe.

Ein leises Geräusch reißt Sanktima aus ihren Gedanken. Mit einem eleganten Satz springt ein schwarz-weißer Kater zu ihr aufs Bett.

„Na, Salomon, du alter Streuner, wo kommst du denn her?“ Schnurrend reibt der Kater seinen Kopf an Sanktimas ausgestreckter Hand, dann dreht er sich tretelnd dreimal um die eigene Achse und rollt sich zufrieden neben ihr zusammen. Salomon war ihr Kater gewesen, damals noch im Waisenhaus in Sturmwind, sie hatte ihm immer ein wenig von ihrem Essen abgegeben und jede Nacht hatte er sich zu ihr ins Bett geschlichen und war auf ihren Beinen eingeschlafen. Irgendwann war er verschwunden, sie hatte überall nach ihm gesucht und dann seinen steifen Körper am Kanal gefunden. Das war so lange her…

„Braver Junge, hast du nach Hause gefunden, das ist gut…“ Zärtlich streichelt sie über den kleinen warmen Körper.

„Ja, du hast Recht, es ist spät, lass uns schlafen. Ich müsste mir eigentlich das Nachthemd anziehen, aber ich bin schon zu müde. Weißt du was? Ich lege mich einfach so hier ein wenig zu dir aufs Bett, nur einen Moment, nur ein wenig ausruhen…“ Vorsichtig sinkt Sanktima seitlich auf das Kissen, hebt mühsam die schweren Beine aufs Bett und zieht ihr Wollcape wie eine Decke über sich.

„Nur einen Moment…“

Im Zimmer ist es still, sanft flackert die Kerze auf dem Nachttisch, das Feuer im Kamin ist fast herunter gebrannt. Das letzte warme Licht schimmert durch ihre geschlossenen Augenlider, kaum merklich hebt und senkt sich Sanktimas Brust. Ein Holzscheit knackt und fällt in sich zusammen, Funken stieben den Kamin hinauf. Für einen Augenblick sieht Sanktima das Bett, das Zimmer, dann schwebt sie mit den Funken und hoch über das Haus. Ein voller Mond scheint fahl auf den Dorfplatz, alles ist ruhig, selbst in der Dorfschenke brennt kein Licht mehr. Ein Schwarm Krähen steigt aus einem alten Baum auf, und begleitet von dem raschelnden Applaus der Vogelschwingen gleitet Sanktima weiter hinauf. Unter ihr dreht sich die Welt weiter, schon ist sie über den schneebedeckten Hügeln von Dun Morogh, und da ist Sturmwind mit seinen Zinnen und den Türmen des Magierviertels, voller Leben und Gewimmel, selbst zu so später Stunde. Weiter zieht es sie über das Meer, dann die unwirtliche Küste des Brachlands, und schon über das ewige Smaragdgrün Feralas. Zeit und Raum verlieren immer mehr an Bedeutung, und doch – einen Ort gibt es noch, den sie sehen will, sehen muss, bevor sie loslassen kann. Kaum wird ihr dieser Gedanke bewusst, erkennt sie unter sich auch schon spitze Felsgebilde und dann einen waldumsäumten Hain, aus dem stark und fest ein uralter Baum imposant emporsteigt: der Wohnbaum.

Hell ist es hier und freundlich, lebendig und friedlich. Über die ausgetreten Stufen hinauf gleitet Sanktima durch die Eingangstür in den großen Wohnraum. Alle sind sie hier: Die sanft lächelnde Sarenna, deren Augen sich schnell wie ein Sturm verfinstern können, um unnachgiebig Schaden vom Wohnbaum abzuwenden. Die freundliche Priesterin Lindhand, die ihr Herz vor Kummer verschließt und stets nach vorne schaut, das Bäumchen Hiba, das mit jedem weiteren Jahresring stärker erblüht. Kelisha, die tapfere Kriegerin und oft an Sanktimas Seite, sitzt gleich neben Zephania und hält seine Hand, zwei Herzen auf ewig verbunden. Die beiden betrachten amüsiert das bunte Treiben in der Wohnstube. Viele Gesichter kennt Sanktima nicht, doch allen fühlt sie sich auch jetzt nah.

Und da auf einer Bank in der Nähe der Eingangstür sitzt auch Waldmeister. Angestrengt lauscht er dem alten Hephestos, der sichtlich bemüht ist, seinem Freund etwas über Welt zu erklären. Eine junge Nachtelfe geht vorbei, und lächelnd sieht Sanktima, wie Waldmeisters bewundernder Blick der schwingenden Hüfte folgt. Sanktima gleitet neben ihren Liebsten, küsst ihn zärtlich und berührt noch einmal sein Herz. Waldmeister stutzt, so als habe er draußen ein Geräusch gehört, dann wirft er seiner Lisl ein Stück Wurst zu, schüttelt den Kopf und brummt: „Na, do war nix…“, dann wendet er sich wieder Hephestos zu.

Die Dinge lösen sich auf. Sanktima ist nicht mehr Sanktima, ist jetzt der Baum, und mit den Wurzeln des Baumes die Erde, das Wasser, die Luft. Das Licht wird heller, füllt den Raum und durchdringt alles, wird zu einer Lichtsäule unendlich hoch und voller Liebe und Zufriedenheit. Alles ist so, wie es sein soll. Alles ist gut…

Die Kerze war heruntergebrannt, das Kaminfeuer erloschen, als die Haushälterin am nächsten morgen Sanktimas Leichnam im kalten Haus in Kirthafen fand. Einen Moment lang setzte sich die Zwergenfrau neben den toten Körper auf das Bett, zupfte das Wolltuch zurecht und strich eine graue Haarsträhne aus dem wie schlafend aussehenden Gesicht. Dann stand sie auf, um das Dorf zu informieren.

Bald darauf versammelten sich die Zwerge Kirthafens vor Sanktimas Haus. Man beriet, was zu tun sei. Der Boden würde bald frieren, man musste rasch handeln. Also beschlossen die Ältesten, einen Boten zum Wohnbaum zu senden und Sanktima zu beerdigen.

Sie kreuzten Speere und legten ein Wolfsfell darauf, so dass eine Trage entstand. Der Schmied trug Sanktimas Leichnam aus dem Haus, das Alter und der Tod hatten den Körper leicht gemacht. Behutsam legte er ihn auf die Bahre, dann legten einige Zwergenfrauen Sanktimas Rüstung und ihre Waffen dazu. Sechs Zwerge hoben nun die Speerenden an, und so trugen sie die Tote schweigend hinaus aus dem Dorf zu dem kleinen See. Unter einem Baum hatten sie eine flache Grube gegraben und mit Blumen ausgeschmückt, es war eine mühsame Arbeit gewesen, denn der Boden war schon sehr hart. Die Träger setzten die Bahre ab, und der Dorfälteste schlug die Enden des Wolffells über dem Körper zusammen. Dann band er mit einer starken Schnur alles zu einem schützenden Kokon zusammen. Eine Zwergenfrau begann leise zu singen, eine uralte Melodie, und nach und nach stimmten die anderen mit ein. So legten sie die Tote in die Grube, gaben noch Geschenke dazu, einen Humpen Bier, eine Kette aus polierten Steinen und einen Beutel mit Baumsamen. Und während die sanften und traurigen Gesänge über den See und hinaus bis aufs Meer zogen, bedeckten zwei Zwerge das flache Grab mit Erde. Dann nahm jeder einen Stein, einer nach dem anderen, legte ihn auf die lose Erde und nahm in Gedanken Abschied.

Eine Weile standen die Zwerge noch um das Grab, nachdenklich und still. Dann räuspert sich der Wirt:

„Also, wenn ihr wollt, ich meine… es wäre doch auch in ihrem Sinne gewesen… also, was ich sagen will – kommt mit ins Gasthaus, ich geb eine Runde aus!“

„Ja, den Toten den Respekt – aber den Lebenden das Bier!“, rief ein Zwerg und zitierte damit eine uralte Zwergenweisheit.

„Ja, genau – gedenkt der Toten und feiert das Leben!“, ergänzte rasch eine dralle Zwergenfrau, raffte ihre Röcke und stapfte mit den anderen gemeinsam zurück ins Dorf..


© by Julia Jacoby, November 2011