Kleines Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Freunde,

nun ist es also endlich soweit – Ihr seht einen Sanktima-„Kurz-Roman“ vor Euch, der die Welt von WoW als Kulisse und Bühne benutzt, um eine völlig frei erfundene Geschichte von Schuld und Sühne, Rache und Vergebung, Liebe und Tod zu erzählen. Wohlgemerkt – dies ist kein WoW-Roman!

Besonderen Anteil an dieser Geschichte haben die Bewohner des Wohnbaums der Gilde „Licht und Schatten“ und die besondere Atmosphäre von Vertrauen und Freundschaft hier. Ihr habt es möglich gemacht, dass ich nach über 20 Jahren kommerzieller, sachlicher und wissenschaftlicher Texte endlich wieder einmal einen phantasievollen und – wie ich hoffe – sehr gefühlvollen Text geschrieben habe. Dafür ein herzliches Danke.

Ich habe es mir erlaubt, einige Eurer Charaktere in diese Geschichte einzubauen und habe dabei versucht, mich an den von Euch entwickelten Wesenszügen zu orientieren. Ich hoffe sehr, Ihr seid damit zufrieden. Mein Dank gilt hier Mauro mit seinem Krieger Miltone, Dirk und seinem Schurken Lares, Franca und ihrer Kriegerin Kelisha sowie natürlich Alice und den Charakteren „Frau Meier“ und der kleinen Gnomin Gulp, ohne die Sanktima und Waldmeister sich nie gefunden hätten.

Mein ganz besonderer Dank gilt natürlich Lambert und seinen Charakteren Hephestos und Waldmeister. Er hat mich nicht nur mit seiner großartigen Geschichte über die Ereignisse im Hinterwald zu Sanktimas Geschichte inspiriert, sondern mir auch noch großzügig erlaubt, mich dort „dranzuschreiben“. Außerdem hat er die Geschichte während der Entstehung mit klugen und freundlichen Anregungen begleitet und den Waldmeister-Dialogen hochselbst als Übersetzer die ganz besondere und unnachahmliche Farbe verliehen. Diese wunderbare Erfahrung möchte ich nicht mehr missen und sie hat mich weit über die Grenzen Azeroths hinaus bereichert.

Und nun genug der langen Vorrede – holt Euch Popcorn, legt Taschentücher bereit, hängt das Telefon aus: Vorhang auf und viel Vergnügen beim Lesen!

© by Julia Jacoby, November 2011


 

Sanktima und das Erbe des Blutes

 

1

Es ist frühmorgens am Waldrand, Tau glitzert in den Spinnennetzen und die ersten Vögel begrüßen den Tag. Wie so oft in letzter Zeit schlüpft Sanktima nach einer Nacht im Wald leise durch eine Seitentür in den Wohnbaum. Doch diesmal bleibt es nicht unbemerkt…

„Ich muss Euch sprechen, Sanktima.“ Die krächzende Stimme des alten Hausmeisters lässt Sanktima herumfahren. Als sie Hephestos im Halbdunkel der Eingangshalle erkennt, entspannt sie sich.
„Was schleicht Ihr denn hier so herum, Hephestos? Ihr habt mich fast zu Tode erschreckt! Solltet Ihr nicht längst Frühstück für alle machen? Kommt, ich helfe Euch…“ Sanktima will an dem alten Mann vorbei in die Küche, doch seine gichtverknoteten Finger umklammern erstaunlich hart ihr Handgelenk.
„Es war ein Paladin hier, heute Nacht, der nach Euch gesucht hat….“
Sanktima stutzt und bleibt stehen. Hephestos gibt sie wieder frei. Unbewusst reibt sie ihr leicht gerötetes Handgelenk, während sie den Hausmeister fragend ansieht.
„Ein Paladin? Wer war das?“

„Er erinnerte mich an irgendjemanden, aber es ist schon so lange her…“ Der alte Mann schüttelt gedankenverloren den Kopf. Dann spricht er mit brüchiger Stimme weiter.
„Sein Name war Mallakai, vom Orden der ewigen Hüter, sagte er. Habt Ihr davon schon einmal gehört?“
Sanktima schüttelt nachdenklich den Kopf:
„Nein, dieser Orden ist mir unbekannt. Und was hat er von mir gewollt?“
„Er hat Euch eine Nachricht hinterlassen.“ Hephestos greift unter seine Gewänder und zieht ein Pergament hervor.
„Hier, lest und entscheidet selbst…“
Sanktima nimmt das Pergament und schaut etwas ratlos darauf.
„Ich lese es dann gleich, habt erstmal Dank….“. Sie wendet sich zum Gehen. Da legt Hephestos seine Hand auf ihren Arm. Durch seine trüben, halbblinden Augen huscht ein Flackern.
„Seid vorsichtig Sanktima. Ich habe… kein gutes Gefühl bei der Sache.“ Dann wendet er sich ab und schlurft kopfschüttelnd davon.

Sanktima bleibt allein in der Eingangshalle zurück. Das Pergament liegt schwer in ihrer Hand. Sie geht nachdenklich hinauf in ihre Wohnkammer und setzt sich ans Fenster, um die Nachricht genauer zu betrachten. Der Brief ist so zusammengefaltet und mit einem roten Band umwickelt, dass man von außen nichts von dem Inhalt erkennen kann. Das Band ist auf eine Art verknotet, die ihr auf seltsame Weise bekannt vorkommt, doch sie kann sich nicht erinnern, wo sie so einen Knoten schon einmal gesehen hat. Sie nimmt ein scharfes Messer vom Tisch und schneidet das Band mit einem entschlossenen Schnitt durch. Dann legt sie es sorgsam zur Seite, sie will sich den Knoten später noch einmal genauer betrachten. Mit gemischten Gefühlen faltet sie das Pergament auseinander.

Die Nachricht besteht nur aus wenigen Zeilen in gestochen scharfer Handschrift:

Sanktima.
Wenn Ihr Informationen über Eure Herkunft wollt, kommt heute Nacht zur 3. Stunde zum Leuchtturm im Hafen von Sturmwind. Kommt allein und unbewaffnet.
Ein Freund

Wie betäubt starrt Sanktima auf die Nachricht. Informationen über ihre Herkunft? Sie war ein Findelkind, ausgesetzt auf den Stufen der Kathedrale, eingewickelt in einen zerrissenen Wappenrock. Eingewickelt…. Sie springt auf und zerrt eine alte Schließkassette unter dem Bett hervor. Hier drin bewahrt sie all ihre Schätze, schon seit den Tagen im Kinderheim. Sie öffnet die Kassette und schüttet den Inhalt auf ihr Bett. Da ist ihr Tagebuch, ein Beutel mit Schreibzeug und Tinte. Die zärtlichen Briefe des Nachtelf, dem sie ihr Herz geschenkt hat. Der alte Wappenrock, und…. das rote Band, mit dem man sie damals in den Wappenrock geschnürt hatte. Grellrot leuchtend liegt es da in der Morgensonne auf dem Bett, wie eine Schlange, und gleicht dem eben durchschnittenen Band. Mit zitternden Fingern nimmt sie beide Bänder und legt die Knoten nebeneinander. Identisch – wie von ein und derselben Person geknotet. Aber konnte das wirklich sein…?

Die Gedanken rasen so schnell wie ihr Herzschlag. Sie muss zu diesem Treffen gehen, gar keine Frage. Doch allein und unbewaffnet? Kam diese Nachricht von einem Freund oder einem Feind? Natürlich hatte sie auf ihrem Lebensweg den ein oder anderen Konflikt ausgetragen – aber musste sie wirklich einen Feind fürchten? Wer immer diese Nachricht geschickt hatte wusste etwas über ihre Eltern, das Band war der Beweis. Sie spürt, wie ein fast vergessener Schmerz in ihrem Herzen aufflammt. Sie hat keine Wahl, sie muss diese seltsame Einladung annehmen. Doch sie würde Vorsorge treffen: Sie würde einen schlanken Dolch versteckt am Körper tragen und eine Nachricht hinterlassen für den Fall, dass sie nicht bis zum nächsten Morgen zurück sein würde. Und vielleicht sollte sie auch den kleinen Ohrring tragen, den das erfinderische Gnomenkind ihr geschenkt hatte? Man konnte ja nie wissen. Eilig macht sie sich daran, alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen…


*

Der Hafen von Sturmwind liegt still und schlafend. Mit gleichmütigem Klang schwappt das brackige Hafenwasser an den Pier. Ein Beiboot schaukelt träge auf den Wellen und schlägt in sanftem Rhythmus gegen eine Bordwand. Es riecht nach Tang und Salz. Aus einer Taverne in der Stadt weht das Stimmengewirr eines Streites zwischen Betrunkenen herüber.

Sanktima zieht fröstelnd die Schultern hoch. Diese dünnen Stoffkleider wärmen einfach nicht. Sie vermisst ihre schwere Rüstung, aber sie hatte nicht unnötig auffallen wollen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, tatsächlich hier her zu kommen. Doch nun gibt es kein Zurück mehr, nur noch wenige Minuten, bis die Uhr der Kathedrale die dritte Stunde schlägt. Sie muss sich beeilen. Geschickt schiebt sie ein kleines Boot vom flachen Ufer ins Wasser, springt hinein und beginnt zu rudern. Bis zum Leuchtturm sind es nur wenige Schläge, doch vom Meer zieht leichter Nebel auf, und als sie auf der kleinen Insel ans Ufer steigt, scheint Sturmwind weit entrückt. Sie vertäut das Boot am Steg und springt an Land. Kein anderes Boot zu sehen. Hat sie den Weg umsonst gemacht?

Ein leichter Wind trägt drei Schläge der Kathedralenuhr wie durch Watte von Sturmwind herüber. Da öffnet sich die Tür des Leuchtturms, und die Silhouette einer vermummten Gestalt erscheint im Türrahmen.

„Ihr seid also tatsächlich gekommen… allein…. Das war ja leichter, als ich dachte…“ Die heisere Stimme kichert.
Sanktima durchfährt es siedendheiß. Blitzschnell fährt ihre Hand zu dem Dolch, den sie unter ihrem Umhang trägt. Doch es ist schon zu spät. Zwei riesige Schatten lösen sich aus dem Dunkel hinter ihr und packen sie grob an den Armen, drehen sie nach hinten, so dass sie den Dolch mit einem Aufschrei fallen lässt und nach vorne zu Boden sinkt. Ein Knie stößt ihr derb in den Rücken, ihr bleibt die Luft weg. Immer noch leise kichernd kommt die vermummte Gestalt näher, beugt sich vor und betrachtet Sanktima, wie man ein gefangenes Insekt betrachten würde.

„Die Liebe hat Euch schwach gemacht, Weib, schwach und jämmerlich.“ Er greift ihr ins Haar und reißt mit einem Ruck ihren Kopf nach oben. Immer noch atemlos und kaum in der Lage zu sprechen schaut Sanktima den Unbekannten fragend an.
„Ihr wollt Antworten? Nun Ihr werdet Eure Antworten bekommen… Los, schafft dieses Elfenliebchen weg!“ Angewidert stößt er Sanktimas Kopf zur Seite und wischt sich die Hand an seinem Umhang ab.
„Ihr stinkt schon genau wie dieses Hinterwäldlerpack…!“

Die vermummte Gestalt gibt mit einem Horn ein Signal, und kurze Zeit später hört man die Ruderschläge eines Beibootes durch den Nebel. Als die beiden Handlanger Sanktima hochreißen und zu dem Boot zerren, bäumt sie sich auf, stemmt die Beine gegen den Boden und windet sich gegen den eisenharten Griff der Männer. Einer von ihnen holt aus und rammt ihr seinen Ellbogen ins Gesicht. Vor ihrem Auge explodiert ein grelles Licht, und das letzte was sie hört, bevor ihre Sinne im Dunkel versinken, ist das höhnische Lachen ihrer Entführer.

*

Sanktima weiß nicht, wie lange sie bewusstlos war. Sie erinnert sich vage an das Schwanken eines Bootes, an dunkle, feuchte Kellergänge. Sie liegt auf einem kalten Steinboden auf der Seite. Sie bewegt sich ein wenig und stöhnt auf. Ihre Arme sind auf dem Rücken zusammengebunden und fast taub. Ihr Kopf dröhnt und ihre Schultern schmerzen unerträglich. Ihr Mund ist trocken und die Zunge klebt am Gaumen. Ihr linkes Auge ist zugeschwollen, das rechte kann sie mühsam öffnen. Eine Fackel, flackerndes Licht. Eine grobe Steinwand. Ein Holzschemel. Eine Kohlenpfanne in einer Ecke, Brandeisen liegen rotglühend darin.

„Helft ihr auf und bringt sie her.“ Wieder die heisere Stimme, fast höflich jetzt. Sie wird unsanft an den Armen vom Boden hochgerissen, herumgewirbelt und auf einen Stuhl gedrückt. Nur mühsam kann sie den Brechreiz unterdrücken. Als sich die Welt um sie aufhört zu drehen, erkennt sie, dass sie an einem Tisch sitzt, ihr gegenüber die Flüsterstimme, die sie neugierig betrachtet. Der Mann hat seinen Umhang abgelegt. Selbst der warme Schein der Kerze auf dem Tisch kann seinen harten Zügen nicht schmeicheln. Die tief in den Höhlen liegenden Augen scheinen zu glühen, die schmale Nase durchschneidet das hagere Gesicht und die dünnen Lippen verziehen sich zu etwas, was ein Lächeln andeuten soll. Fragend schaut Sanktima ihn an.
„Wo..?“, nicht mehr als ein Krächzen.
„In einem Verlies tief unter der Kathedrale. Wie Ihr wisst, ist Sturmwind berühmt für seine Verliese. Da ist das offizielle Verlies direkt am Kanal, Ihr kennt es sicher. Dann haben die Hexer noch ein paar Kammern unter der Erde, ebenso wie die ahnungslosen Priester. Und natürlich wir….“, erklärt er sichtlich stolz.

„Wie unhöflich von mir – ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Mallakai, vom Orden der ewigen Hüter. Sicher sagt Euch das etwas – schließlich seid Ihr ja trotz allem auch so etwas wie…. eine Paladin.“ Er kichert, als habe er einen Witz gemacht. Jetzt erst bemerkt Sanktima die beiden Schläger, die sich auf einer Pritsche an der Seitenwand des Raumes lümmeln und zustimmend grinsen. Einer reicht dem anderen einen Krug mit Rum, den dieser immer noch grinsend an die Lippen setzt und einen tiefen Schluck daraus nimmt.
„Ach, ich sehe, Ihr begreift nicht? Mein Name sagt Euch nichts?“ Mallakai schlägt mit der flachen Hand donnernd auf den Tisch. Der Schläger zuckt so zusammen, dass er sich verschluckt und hustet. Sanktima schüttelt vorsichtig den Kopf. Ihre Stimme ist rau und kratzig, als sie antwortet.
„Nein, er sagt mir nichts.“
„Das sollte er aber, das sollte er!“, schreit Mallakai und springt auf.
„Der Orden der ewigen Hüter ist die letzte Bastion gegen den Irrsinn der neuen Zeit, seit jeher ein Bollwerk für die wahren Werte und vor allem…“. Er kommt ganz nah heran und zischt Sanktima ins Ohr.
„Vor allem sind wir die Hüter des reinen Blutes!“ Triumphierend richtet er sich wieder auf.
„Was… wisst Ihr… über meine Herkunft?“ Sanktima kann nur mühsam sprechen.
„Ah, Eure Herkunft, natürlich…. Deswegen seid Ihr meiner, nun ja, ‚Einladung’ ja gefolgt…“. Mallakai plaudert fast fröhlich, während er in dem kleinen Verlies wie auf einer Bühne umhergeht.

„Ihr entspringt einem edlen Geschlecht reinen Blutes, wusstet Ihr das? Euer Vater war einer unserer edelsten Streiter, ein wahrhaft aufrechter Mann. Nur leider begann er irgendwann, seltsame Gedanken zu hegen. Er war ein Träumer, ein Phantast, nichts weiter. Ich dachte, ich könnte ihn zur Vernunft bringen... Wir führten ihm ein Weib zu, auch sie natürlich von reinem Blut und eine glühende Anhängerin unserer Sache. Sie sollte seine unsinnigen Ideen, nun, sagen wir: mäßigen. Ihn mit sanfter Gewalt wieder auf die richtige Bahn lenken und seinen Ehrgeiz anstacheln, um ihr viele schöne Dinge zu kaufen und sich ausschließlich um den Unterhalt und das Wohl seiner Familie zu kümmern… Leider hat es nicht funktioniert.“
Mallakai zuckt bedauernd mit den Schultern. Er setzt sich wieder und gießt sich aus einem Tonkrug etwas Wein in einen Becher. Dann nimmt er einen Schluck und spricht weiter, als säßen sie irgendwo in einem Gasthaus am Kamin.
„Eure Mutter hat wirklich alles versucht, wirklich alles und mehr als man einer Dame von so edler Herkunft je zumuten dürfte. Eure Mutter war eine ganz außerordentliche Frau. Als sie merkte, dass auch Eure baldige Geburt Euren Vater nicht von seinen ketzerischen Umtrieben abhalten konnte, beschloss sie, einen letzten Versuch zu wagen. Ich sorgte dafür, dass er bei Eurer Geburt nicht anwesend sein konnte, und wir schoben ihm bei seiner Heimkehr ein totes Bauernbalg unter. Euch brachten wir – wie ihr ja wohl jetzt begreift – ins Waisenhaus. Eure Mutter verstand es prächtig, Eurem Vater die Schuld für die vermeintliche Totgeburt zu geben. Sie behauptete sehr überzeugend, seine rebellische Art hätte ihr soviel Sorgen bereitet, dass das Kind in ihrem Leib gestorben sei...“ Mallakai nimmt noch einen Schluck Wein und lächelt Sanktima an.
„Ja, Eure Mutter hat sich wirklich für die Sache geopfer.“

Sanktima schwankt auf dem Stuhl, ihr wird schwarz vor Augen. Sofort springt Mallakai auf und schlägt ihr mit dem Handrücken hart ins Gesicht.
„Na, na, na, – schön hier geblieben, meine Liebe, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Und Ihr wolltet es doch wissen, oder nicht?“ Kichernd setzt er sich wieder hin. Sanktima schmeckt Blut.
„Wo war ich? Ach ja richtig. Die großartige Opferbereitschaft Eurer Mutter. Nun, leider schlug auch diese Bemühung fehl. Statt sich wieder ganz unserer Sache zu widmen verfiel Euer Vater dem Alkohol. Statt sein Versagen durch Taten für den Orden wieder auszugleichen, ertrank er in Selbstmitleid und Schnaps. Ein bedauernswerter Anblick. Nun, da musste auch ich mir eingestehen, dass er nutzlos war, ein versoffener Ballast. Alle weiteren Versuche, ihn vor sich selbst zu retten, wären reine Zeitverschwendung gewesen. Also ließ ich ihn… exekutieren…“ Mallakai betrachtet interessiert Sanktimas Gesicht.
„Ihr weint doch nicht etwa… um diesen... Versager?“
Mit einem Seufzer lehnt sich Mallakai wieder in seinem Stuhl zurück.
„Nun, warum wundert mich das. Schließlich seid ja auch Ihr eine Enttäuschung….“
Fast betäubt von dem eben Gehörten hebt Sanktima das verquollene Gesicht und blickt Mallakai fragend an.

„Ah, ich sehe, Ihr fragt Euch endlich, warum Ihr wirklich hier seid.“ Penibel zupft Mallakai eine Fluse von seiner Robe.
„Ich hatte gehofft, mit Euch ein wohlgefälliges Werkzeug für die große Sache in der Hinterhand zu haben. Habt Ihr Euch nie gewundert, wieso ein Waisenkind die Erlaubnis bekommen hat, eine Ausbildung zum Paladin zu absolvieren? Ich bitte Euch, so naiv könnt Ihr doch nicht sein. Ich musste doch dem reinen Blut in Euch die Möglichkeit geben, den wahren Weg zu erkennen. Jahrelang hoffte ich, ihr kämt nach Eurer Mutter. Und fast schien es ja auch so. Pflichtbewusst habt Ihr Eure Aufgaben gemeistert, stets das Ansehen der Paladine hochgehalten. Hilfsbereit und gut und all das, ihr wisst schon… Ihr habt ein hohes Ansehen in dieser Welt, man respektiert Euch. Und vielleicht habe ich zu lange über Eure kleinen Eskapaden hinweg gesehen. Euer verrückter Glaube an Gleichheit und Gerechtigkeit, an Milde und Vergebung….“
Mallakai beugt sich vor, so dass sein Gesicht fast das von Sanktima berührt.
„Was habt Ihr Euch nur dabei gedacht….“

Mit einem verächtlichen Blick lehnt er sich wieder zurück.
„Nun, dass Ihr Euch in Westfall für das Leben dieser kleinen Hexe Devova eingesetzt habt, das hätte ich noch verzeihen können. Gerade in den Zeiten des drohenden Untergangs könnten sich diese Kenner der schwarzen Magie als nützlich erweisen.“
Mallakai schaut Sanktima schulmeisternd an. Dann verfinstert sich sein Blick und er schleudert ihr die nächsten Worte vor Hass geifernd entgegen:
„Aber dass Ihr Euch zur Hure eines Nachtelf macht, noch dazu ausgerechnet von diesem uralten Feind unserer Sache – damit habt Ihr es zu weit getrieben!“

Die beiden Schläger murmeln angetrunken Zustimmung. Mallakai ringt sichtlich um Fassung, trinkt einen Schluck Wein und seufzt bedauernd. Dann fährt er in vertraulichem Ton fort.
„Nun, es ist nicht Eure Schuld, dass unser Orden damals in diesem Tal nicht gleich reinen Tisch gemacht hat. Wir waren einfach zu nachsichtig mit diesen Wilden. Darum will ich gedenk Euren reines Blutes und in Erinnerung an die Opfer Eurer Mutter zu Euren Gunsten annehmen, dass Ihr nur verwirrt seid. Eine Art Fieber, sicher etwas, dass wir mit ein wenig Strenge und Disziplin wieder heilen können.“ Er steht auf, geht um den Tisch herum und beugt sich zu Sanktima hinunter. Er greift mit der Hand ihr Kinn und drückt die blutenden Lippen mit Daumen und Zeigefinger zu einem bizarren Kussmund zusammen.
„Ein Wort von Euch genügt, Sanktima. Leistet jetzt Abbitte und wir beenden das hier. Ihr habt nur diese eine Chance: Schwört mir die Treue, oder ich überlasse Euch meinen beiden fähigen Mitarbeitern – und glaubt mir, das wollt ihr nicht. Nun, wie lautet Eure Antwort?“
Mallakai lockert ein wenig den Griff. Sanktima starrt ihn an und spuckt ihm ins Gesicht. Blut und Speichel triefen von Mallakais Wange. Wutentbrannt kreischt er auf und stößt Sanktima von sich, so dass sie mitsamt dem Stuhl nach hinten fällt.
„Ihr habt es so gewollt! Ich kann nicht zulassen, dass Ihr Euer Blut mit dem fauligen Samen dieses Wilden vermischt! Der Orden kann nicht zulassen, dass andere Eurem Beispiel folgen! Ihr habt Euer Leben verwirkt! Für das, was nun mit Euch geschieht bin ich nicht mehr verantwortlich!“

Angeekelt wischt er sich mit einem Leintuch das Gesicht ab und wirft es in die Glut der Kohlenpfanne. Er wendet sich an seine Helfershelfer:
„Nun, dann soll es so sein, verfahrt mit Ihr nach Belieben. Ich verlange nur, dass sie morgen noch am Leben ist, damit ihr sie mit dem nächsten Schiff nach Nordend verfrachtet. Soll sie wie ihr Vater dort in den Gruben verrecken.“
Dümmlich grinsend hebt einer der Schläger die Hand.
„Herr, nur zur Sicherheit – ich meine, sie ist jetzt schon recht beschädigt, da werden wir nicht lange Spaß haben, wenn sie morgen noch leben soll….“
Mallakai schaut verächtlich auf Sanktima herab.
„Ihr habt Recht, gut mitgedacht. Ich werde nach dem Arzt schicken, damit er sie am Leben hält... solange es eben dauert.“ 
Damit wendet er sich ab und verlässt das Verlies. Sanktimas Schreie hallen ihm nach …

*

Treibend. In einem Meer. Schwebend. Nur von weitem gedämpfte Stimmen.
„Sollen wir auf den Heiler warten?“
„Ach was, da geht noch was, die hält das schon aus.“
Gelächter. Und dann – Schmerz, gleißend und hell, der Geruch von verbranntem Fleisch und Haar, von Blut und Urin, Feuer überall, noch mehr Gelächter, dann, endlich, erlösendes Schwarz.

Wieder an die Oberfläche treibend. Ein Licht blendet. Eine neue Stimme.
„Fast wär es zu spät gewesen, konntet ihr euch nicht ein wenig zügeln?“
Flüssigkeit auf der Zunge, bitter.
„Das müsste wenigstens für die nächsten Stunden helfen. Aber ob sie den Transport übersteht, das kann ich nicht garantieren!“
„Aber das war es wert, stimmts?“ Gelächter. Dann, ärgerlich, die neue Stimme:
„Ich lass mir das jedenfalls nicht in die Schuhe schieben, wenn sie unterwegs abkratzt.“
„Na und? Wen interessiert´s.“

Wieder Absinken an den Grund…

*

Dröhnendes Stampfen von Dampfmaschinen, rhythmisches Auf und Ab in Wellen von Schmerz und Dunkelheit. Ihr Körper eine einzige Wunde, ihre Seele ein einziger Schrei. Abtauchen will sie, bis ganz hinunter an den Grund. Ausruhen. Schlafen. Sie gleitet tiefer. So friedlich hier…

Ein lauter Knall zerreißt die Stille, schleudert sie wieder empor. Stimmengewirr, Schlingern. Dann noch ein Knall, noch lauter jetzt. Hilfeschreie, Wasser umspült sie, reißt sie mit sich. Das Ächzen von berstendem Stahl, das Kreischen eines sterbenden Schiffes. Und sie schwebt endlich frei, sieht sich selbst im Wasser treiben, das Leuchten von Flammen an der Wasseroberfläche weit über ihr.

Ein seltsames Wesen nähert sich aus den Tiefen. Erstaunt betrachtet sie die riesige Meeresschildkröte, deren schillernder Panzer unter ihr auftaucht. Majestätisch und ruhig, unbeirrbar in ihrer Bahn, schiebt sich das mächtige Tier unter sie und trägt sie behutsam mit sich nach oben, fort von den Flammen, den Schreien, dem Tod. Dann plötzlich kalte Nachtluft, die sich hart in ihre brennenden Lungen presst. Ein Atemzug, dann noch einer und weiter. Das Salzwasser reinigt ihre Wunden, kühlt die heiße Stirn. Wie von einem inneren Kompass getrieben schwimmt die Schildkröte einem fernen Ziel entgegen, ruhig und sich ihrer Last wohl bewusst.

Sanktima überlässt sich ganz dem großen Tier.
„In den Wald“, murmelt sie, „bring mich in den Wald zurück…“
Dann ergibt sie sich und verliert sich in traumlosem Schwarz.


2

Eine der Haupteinnahmequellen der Gnome aus Ratschet war seit je her neben dem Schmuggel das Bergen von Strandgut. Die neue Route der Dampfschiffe von Sturmwind nach Nordend hatte hier herbe Verluste bedeutet, denn die stählernen Kolosse trotzen besser als jeder Schoner den Gefahren der rauen See. Zum Glück jedoch hatten auch diese modernen Schiffe Gnome an Bord, und es kam immer wieder zu unerklärlichen Explosionen, so dass ab und an reiche Beute von Osten her an die Küste des Brachlands trieb. Dabei war es natürlich nur ein böses Gerücht, dass diese Explosionen in irgendeiner Weise von den Gnomen der Schifffahrtsgesellschaft geplant und ausgelöst wurden, um ihren Verwandten geschäftlich unter die Arme zu greifen…

An diesem Morgen sind Nip, Gelp und Braff gemeinsam auf Strand-Patrouille. Sie haben außer ein paar zerbrochenen Flaschen und einem Fass verdorbener Milch bisher nichts gefunden, und die Hoffnung auf Beute schwindet mit jedem Schritt.
„Lasst uns umkehren, das macht doch alles keinen Sinn!“, quengelt Nip.
„Ja, genau, mir tun die Füße weh, und heute finden wir sowieso nichts mehr!“, fällt Gelp mit ein.
Braff, der älteste und erfahrendste von den dreien, verdreht seufzend die Augen. Warum musste nur immer er mit den Anfängern losziehen?
„Seht ihr die tote Meeresschildkröte da hinten? Ich bin mir sicher, die war gestern noch nicht da. Also los, wir laufen noch bis dahin – und wenn dort auch nichts ist, gehen wir heim.“
Die jüngeren Gnome maulen, scheinen aber mit dem neuen Ziel vor Augen etwas motivierter. Mit festem Schritt nähern sie sich dem angestrebten Objekt am Strand, und die letzten Meter laufen die beiden sogar vor, plötzlich beseelt von dem Gedanken, doch noch einen Schatz entdecken zu können.
„Da, da, ich seh was, ich seh was, es gehört mir!“, schreit Gelp und zeigt auf etwas, das aussieht wie ein Bündel Lumpen.
„Nein, ich hab’s zuerst gesehen!“, plärrt Nip sofort los und schaut sich suchend um.
„Ihr seid jetzt sofort ruhig, alle beide!“, zischt Braff leise und ist aufs höchste angespannt. Irgendetwas stimmt hier nicht… Augenblicklich sind die beiden jüngeren Gnome still. Sicherheitshalber bleiben sie jetzt sogar ein paar Schritte hinter Braff zurück.

Braff nähert sich vorsichtig dem verdreckten Bündel am Boden, das halb von Sand und Seetang bedeckt ist. Er schaut sich um, greift sich vom Uferstreifen einen Stock und stochert aus sicherer Entfernung vorsichtig in das Bündel. Nichts regt sich. Nun wird er mutiger, er tritt noch einen Schritt heran und stochert etwas stärker. Ein Stück Seetang löst sich, das Bündel klappt auf – und eine bleiche Menschenhand rutsch aus dem Bündel auf den Sand. Braff springt einen Schritt zurück.
„Ist es... ist es... tot?“, fragt Gelp, der sich ängstlich an Nip klammert.
„Ich weiß nicht, sieht so aus. Wartet, ich werde es noch mal pieksen…“
Doch bevor Braff diesen Gedanken in die Tat umsetzen kann, springt eine riesige Raubkatze mit rotglühenden Augen und bedrohlich fauchend zwischen die Gnome und das Bündel. Die drei sind vor Schreck erstarrt. Schon prescht über die Dünen ein dunkler Nachtsäbler heran, darauf ein wilder Elf, der schon von weitem schreit:

„GEHTZ WEG VON IHR, FASST SIE NET AN!“

Die fauchende Raubkatze, der offensichtlich wahnsinnige Nachtelf – die Gnome wagen nicht einmal zu atmen. Regungslos beobachten sie, wie der Nachtelf in wildem Tempo heranjagt, von seinem völlig erschöpften Reittier springt und vor dem Bündel in die Knie geht. Als er die bleiche Hand sieht, entringt ein Laut seiner Brust, wie ihn die Gnome noch nie gehört haben, dem Klageruf eines sterbenden Tieres gleicht.
Unendlich behutsam beginnt er, Algen, Muscheln und Tang von dem Bündel zu entfernen. Langsam werden die Umrisse eines Körpers erkennbar. Die zerrissene und angesengte Kleidung verbirgt nur notdürftig blutige Striemen und Brandmale. Dort, wo sich das Gesicht befinden muss, liegt eine große Muschelschale. Der Nachtelf zögert kurz, bevor er entschlossen die Schale anhebt und zur Seite schleudert. Beim Anblick des zerschlagenen Gesichts darunter stöhnt er auf.
„Na, bitte, na, … i bin z´spät….“

Fassungslos beobachtet Braff das Geschehen. Der Jäger hat sich über den leblosen Körper gebeugt, völlig entrückt in seiner Trauer, so dass er es nicht bemerkt… aber Braff hat es bemerkt!
„Da, da! Es hat sich bewegt! Der Finger, ich hab’s gesehen!“ Aufgeregt klatscht er in die Hände und vergisst sogar seine Furcht vor dem düsteren Nachtelf. Dieser fährt herum und packt den Gnom am Hals, so dass der röchelt und hilflos mit den Armen fuchtelt.
„Treib keine Scherze, Gnom. Was…“
Und dann sieht er es selbst.

Der kleine Finger der bleichen Hand im Sand zuckt kaum erkennbar.

Jetzt bewegt sich der Nachtelf schnell und entschlossen. Den Gnom loslassen und den eigenen Umhang abnehmen sind eins. Mit einer Behutsamkeit, die man dem großen Nachtelf nicht zutrauen würde, wickelt er den kalten Körper in den Umhang ein. Dann schaut er zu den Gnomen. Einen neuen Angriff fürchtend reißt Braff schützend den Arm hoch und duckt sich. Doch der Nachtelf greift an seinen Gürtel und wirft Gelp einen klimpernden Lederbeutel zu.
„Da, nehmtz das als Lohn für Eure Müh und vergesstz, was ihr grad da g´seh´n habt. Zu niemand a Wort! Hamma unz verstanden?“
Angesichts des Goldes hat Gelp seine Angst schnell vergessen. Grinsend prüft er das Gewicht des Beutels in seiner Hand.
„Ja, ja, vergessen, kein Problem, das geht, nichts gesehen, nichts passiert….“
Nip schaut neidisch auf den Lederbeutel und mault.
„Also ich hab’s auch vergessen, du musst teilen, los, gib her…“

Ohne weiter auf die streitenden Gnome zu achten hebt der Nachtelf den Körper seiner Geliebten hoch als habe er kein Gewicht. Einen Moment lang wiegt er sie wie ein Kind in seinen Armen, dann steht er auf und geht hinüber zu seinem Reittier, das sich streckt und dabei hinunterbeugt, um seinem Herrn das Aufsitzen zu erleichtern.
„Wo wollt ihr nun hin?“ Braff steht neben dem Säbler und schaut zu dem Jäger hoch.
„I muss sie so schnell es geht zu an Heila bringen, nur a Druide kann jetzt noch…“, die Stimme des Nachelf versagt.
„Wenn Ihr Hilfe braucht… Braff kann etwas erfinden, etwas bauen, vielleicht…?“
Hilflos lässt der Gnom die Schultern sinken.
Trotz seines Kummers muss der Jäger lächeln.
„Danke Gnom, ihr könntz da nix tun. Bewahrt das Geheimnis, das ist alles, um was i Euch bitt…“ 
Und dann fegt der Nachtsäbler auch schon mit geschmeidigen Sprüngen davon, die Raubkatze des Jägers mit schnellen Sätzen nebenher.

*

Waldmeister lenkt seine Reitkatze nach Norden, durch den Eschenwald hinauf in die dunkelsten Tiefen des Nachtelfen-Gebietes, weit in den Teufelswald hinein. Den reglosen Körper Sanktimas hält er fest an seine Brust gepresst, ihr geschundenes Gesicht ruht an seinem Hals, und jeder ihrer kaum spürbaren Atemzüge ist ihm wie ein Sturm im Herz.

Es ist schon Abend, als er endlich die Hütte des Druiden erreicht. Als dieser den Jäger herannahen hört, tritt er vor die Hütte, um seinen Gast zu begrüßen. Ein Blick in Waldmeisters Gesicht genügt, und der Heiler erfasst den Ernst der Lage. Noch bevor der Nachtsäbler ganz stehen geblieben ist, gleitet Waldmeister mit seiner verhüllten Last in einer fließenden Bewegung aus dem Sattel.
„Yvang Schattenwind, alta Freund – du musst ma helf´n….“
Der Druide winkt Waldmeister herein.
„Kommt, kommt, wen hast du denn da? Natürlich helfe ich dir. Leg den Kranken aufs Bett, dass ich untersuchen kann, was fehlt…“
Behutsam legt der Jäger den Körper auf das schmale Bett in der Hütte.
„Lass mich sehen, lass mich sehen…“, murmelt der Heiler.
Waldmeister schlägt den Umhang zurück, in den er Sanktima gewickelt hatte.
„Was ist das?“ Der Druide fährt erschrocken zurück.
„Eine Menschin? Du hast eine Menschin hierher gebracht? Bist du von Sinnen? Und dann auch noch mehr tot als lebend. Hast du etwa…? Nein, das sicher nicht. Aber wieso bringst du sie dann hierher? Was denkst du dir nur…? Also da kann ich dir nicht… Also wirklich nicht…“
Aufgebracht gestikulierend läuft Schattenwind in der kleinen Hütte auf und ab.
Mit einer schnellen Bewegung packt Waldmeister die Robe des Heilers und zieht ihn nah an sich heran. Mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet, befiehlt er dem Druiden:
„Heil sie – sofort. Das schuldest du mir. Hilf ihr – dann könn ma red´n.“

Schattenwind verstummt und schaut in die dunklen Augen des Jägers.
„Gut, ich sehe, was ich tun kann. Lass mich los…“
Waldmeister gibt den Heiler wieder frei. Der strafft sich, ordnet seine Kleidung und räuspert sich.
„Gut dann, ich muss sie untersuchen, geh hinaus…“
„I geh nirgendwo hin, Heiler, net a Minute lass ich sie mehr allein, i…“
Doch Schattenwind wiegelt ab.
„Pscht! Husch-Husch, das ist nichts für dich, du störst da nur, glaub mir. Also raus, raus vor die Tür, ich rufe dich, wenn ich soweit bin….“ Und mit wedelnden Handbewegungen scheucht er den Jäger vor sich her aus der Hütte. Waldmeister wagt einen letzten Versuch:
„Jo aba du wirst doch Hilfe brauchen, i könnte dir zur Hand gehen….“
„Nicht nötig, nicht nötig mein Guter, ich habe Hilfe…. Ah, da kommt sie ja schon!“

Schattenwind deutet mit einem Kopfnicken über Waldmeisters Schulter hinweg. Fragend blickt Waldmeister sich um. Aus dem Schatten der Bäume ist eine schlanke Nachtelfin getreten, die nun lautlos auf sie zugeht. Erst auf den zweiten Blick bemerkt Waldmeister die leicht schiefe Körperhaltung der jungen Druidin, die einen weiten Umhang um die Schultern trägt. Als sie vor ihm steht lächelt sie ihn an und streckt ihm die Hand zum Gruße hin. Dabei öffnet sich der Umhang, und Waldmeister kann sehen, dass die Elfin nur einen Arm hat. „Darf ich vorstellen?“, sagt Schattenwind. „Das ist Waldwesen. Erinnerst du dich?“

3

Ob er sich erinnerte… ob er sich erinnerte….

Waldmeister sitzt in der Nähe der Hütte an einen Baum gelehnt erschöpft am Boden. Nur wenige Meter weiter schläft sein Nachtsäbler und erholt sich von den strapaziösen Tagen, in denen sie ohne Unterbrechung die Küste entlang geritten waren. Und auch Pardus, Waldmeisters treuer Begleiter, hat sich zusammengerollt und scheint zu schlafen, wenngleich das regelmäßige Zucken der Ohrspitzen zeigt, dass die große Katze auch jetzt noch aufmerksam über ihren Herrn wacht.

Inzwischen ist es dunkel geworden, nur durch die Fenster der Hütte dringt das sanfte Licht flackernder Kerzen. Schon seit Stunden wartet er nun hier auf Nachricht, hofft, bangt, schwankt zwischen gleißendem Zorn und abgrundtiefer Verzweiflung. Ob er sich erinnerte? Ja, er erinnerte sich, auch wenn er sich mehr als je zuvor wünschte, er könnte vergessen.

Es war nicht weit von hier, in den verborgenen Tiefen des Waldes, in seinem Heimatdorf. Der Tag, an dem Hephestos die gierige Schar selbstgerechter Priester und goldgieriger Söldner zu ihnen geführt hatte. Der Tag, an dem der Untergang seines Dorfes besiegelt wurde. Der Tag, an dem Waldwesen von den Söldnern fast getötet worden wäre…

In dem Moment öffnet sich die Tür der Hütte und Schattenwind kommt heraus. Der Heiler bleibt kurz stehen, atmet tief die kühle Nachtluft ein und reibt sich die müden Augen. Waldmeister springt auf und schaut Schattenwind bangend und erwartungsvoll an.
„Und? Wie siehtz aus? Wie gehtz ihr? Wird sie…?“
Schattenwind sieht Waldmeister traurig an und legt ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ich weiß es noch nicht, alter Freund, ich weiß es nicht. Ihre Verletzungen sind wirklich sehr schwer, auch wenn der Geist in ihrem Inneren noch stark ist und kämpft. Doch ob er letztlich über den Körper triumphieren kann? Ich weiß es nicht…“
„Aber du müsst doch was tun können, irgend was…?“
Schattenwind schaut Waldmeister forschend ins Gesicht.
„Was liegt dir nur an dieser Menschin? Hat nicht einst genau so alles begonnen? Hast du nicht am meisten dadurch verloren? Ach…“, der Heiler seufzt und winkt traurig ab.
„Bitte Schattenwind, ich kannz dir net erklären, aber zwischen dieser Menschin und mir, da is was Besonderes, vielleicht was Vorherbestimmtes aus uralten Zeiten, i spür das und i weiß, dass es richtig ist. Bitte – du musst sie retten, um meinetwillen…“, fleht Waldmeister.

Nachdenklich nickt Schattenwind mit dem Kopf.
„Nun, Ihr Körper ist zu schwach, selbst wenn ich wollte, ich kann die ganze Macht der Nachtelfen-Heilkunde nicht einfach so einsetzen, es hätte unabsehbare Folgen. Es gäbe da einen Weg, allerdings…“ Der Heiler schaut verlegen zur Seite. Dann flüstert er Waldmeister ins Ohr:
„Da ist noch etwas, dass du wissen solltet, alter Freund: Selbst wenn ich ihr Leben retten kann, so wird doch niemals mehr ein Samen in ihr Früchte tragen. Bist du dir über die Konsequenzen im Klaren?“
Einen Moment steht Waldmeister wie versteinert da. Nur langsam dringt die Bedeutung der Worte in sein Bewusstsein. Dann antwortet er mit fester Stimme:
„Tu was du kannst, und tu was du musst. Aber tu es jetzt!“
Schattenwind nickt, dann dreht er sich um und wendet sich wieder der Hütte zu. Bevor er hinein geht bleibt er stehen und sagt ohne sich umzudrehen:
„Wir müssen sie zu einem besonderen Ort bringen. Komm, jetzt kann ich deine Hilfe brauchen.“

*

Tief unter dem Teufelswald gibt es ein verzweigtes Höhlensystem. Vor langer Zeit war hier ein schmaler Durchgang, der in den Hinterwald führte. Kaum jemand hatte von dem Durchgang gewusst, und so war der Hinterwald viele Generationen lang sicher abgeschirmt von all dem, was da draußen in der Welt vor sich ging. Als damals die Priester und Söldner aus Sturmwind gekommen waren und die schrecklichen Geschehnisse ihren Lauf nahmen, hatte ein Erdbeben den Gang einstürzen lassen, so als wollte die Natur selbst die dunklen Erinnerungen an den Hinterwald für alle Zeiten begraben.

Hier unten leuchtet die Höhle in einem zart-grünen Licht, dass von den Flechten und Moosen an den Felswänden ausgeht. Die Luft summt vor Energie und durch die Sohlen der Schuhe kann man spüren, dass der Boden vibriert. Es ist warm, und durch viele winzig kleine Risse tritt Wasserdampf wie Nebel aus dem Fels. Hier, direkt vor dem eingestürzten Duchgang, ist der geheime Ritualplatz des Druiden.

Waldwesen hat rasch ein Lager vorbreitet aus Moosen, speziellen Kräutern und Blumen. Dorthin legt Waldmeister seine Geliebte und geht dann widerwillig zurück vor die Höhle, um den Eingang zu bewachen, damit das Ritual durch nichts gestört wird.
Stunden vergehen. Manchmal dringen Gesänge aus den Tiefen der Höhle bis zu Waldmeister hinauf. Dann wieder glaubt er, in einem Luftzug aus der Höhle den Rauch von besonderen Hölzern und Essenzen zu riechen. Ab und zu scheint ein dunkelgrünes Flackern das Innere der Höhle zu erfüllen, dann ist wieder alles dunkel und still. Irgendwann weiß Waldmeister nicht mehr, wie lange er schon bangend und hoffend das Ritual bewacht, und es kommt ihm vor, als säße er seit Anbeginn der Zeit wartend vor dieser Höhle.

Kurz bevor der Morgen dämmert treten Waldwesen und Schattenwind erschöpft aus der Höhle. Sofort ist Waldmeister auf den Beinen und bei ihnen, will an ihnen vorbei, in die Höhle hinein. Doch Schattenwind hält ihn zurück.
„Wartet, alter Freund, lass sie noch ein wenig schlafen. Beruhige dich – es geht ihr gut.“
Prüfend schaut Waldmeister dem Heiler ins Gesicht, dann nickt er.
„Ja, gut, i wart, Du hast sicha recht…“
„Komm, mach ein Feuer und lass uns ein wenig Kraft schöpfen, bevor wir den Heimweg antreten.“ Schattenwind deutet mit dem Kopf auf den Lederbeutel des Jägers. „Und einen Schluck von deinem Wein könnte ich jetzt auch vertragen…“

*

Das fahle Licht der Morgensonne dringt kaum durch das dichte Blätterdach der uralten Bäume vor der Ritualhöhle. Zarte Nebelschwaden steigen vom nachtfeuchten Moos auf. Die ersten Vögelrufe dringen von weit her. Ein neuer Tag erwacht.
Der Druide und der Jäger sitzen schweigend an einem Lagerfeuer nahe dem Höhleneingang. Waldmeister hat Schattenwind seinen Trinkbeutel mit altem Wein überlassen und sich selbst ein Pfeifchen mit Traumkraut gestopft. Waldwesen ist wieder in die Höhle hinunter gestiegen, um nach Sanktima zu sehen und alles für die Heimreise vorzubereiten.

Sichtlich erschöpft aber zufrieden nimmt der Druide einen Schluck aus dem Trinkbeutel. Dann schaut er seinen alten Freund wohlwollend durch die Flammen hinweg an.
„Nun, magst du mir jetzt verraten, was das ist mit dir und dieser Menschin?“
Waldmeister bläst nachdenklich einen Rauchkringel in die Luft und sieht ihm schweigend nach, bis er sich auflöst und mit den Morgennebel vermischt. Dann seufzt er und murmelt mit gesenktem Kopf:
„Tjo, also, was soll i sagen…“
Geduldig nickt Schattenwind dem Jäger zu.
„Sag es einfach, so wie es kommt, alter Freund, nur heraus damit.“
„Na jo, i weiß auch net, wie genau es kommen is, i hab ma nix dacht als ich sie das erste Mal g´seh´n hab. Nett hab i´s g´funden und freundlich und g´freut hat mi, dass sie sich net g´stört hat an meina Art, das hat mir g´fallen. Und dann hat sie mich ang´lächelt, so auf eine ganz besondere Weise, und da wurd mir ganz warm innendrin…“
Die sonst so dröhnende Stimme Waldmeisters hat einen sanften Klang bekommen und Schattenwind muss darüber lächeln.
„Ja, so etwas passiert manchmal, mein Freund, so etwas passiert….“
„Na jo, da hab i mir auch noch nix g´dacht, is ja was Schönes, so a warmes G´fühl, das schadet ja niemandem. Und dann hab i g´merkt, dass i immer hab an sie denken müssen, und manchmal deswegen gar net schlafen hab können. Da bin i dann raus mit dem Pardus in´ Wald rein und das hat auch nix geändert, da hab i immer noch an sie denken müssen und mi drauf g´freut, wenn i sie wiederseh weil i mi wohl fühl, wenn sie da ist.“
Verlegen stochert Waldmeister mit einem Zweig in dem Lagerfeuer. Dann schaut er zum Höhleneingang hinüber und seine Stimme wird noch leiser:
„Und glaubs oder glaubs nicht – sie mag mi auch…“

Schattenwind nimmt noch einen Schluck Wein, dann runzelt er ein wenig die Stirn.
„Das ist ja alles gut und schön – aber hast du dir denn nie Gedanken gemacht, dass so eine Verbindung gegen jede Regel ist? Ich meine, selbst wenn damals nicht das ganze Unglück durch genau so eine Verbindung begonnen hätte – du bist ein Nachelf und sie… eine Menschin, zwischen euch liegen Welten!“
Waldmeister hebt den Kopf und nickt nachdenklich, seine Augen glänzen.
„Glaubst wirklich, i weiß das net? Nur... wenn ma beisammen sind, dann vergess i das, dann ist das nichtt wichtig, verstehst? Dann denk i: Es kann doch kein Zufall sein, dass wir uns g´funden haben, das hat doch an Grund. Oder glaubst, dass etwas, was sich so richtig anfühlt, trotzdem falsch sein kann…?“
Schattenwind weicht dem flehentlichen Blick des Jägers aus und sieht fast verlegen beiseite. Eine Weile sitzen die beiden Männer wieder schweigend da, nur dem Knistern des Lagerfeuers lauschend.

„Nun ja“, seufzt Schattenwind schließlich und streckt sich. „Es ist wie es ist, jetzt kann man da eh nichts mehr gegen machen. So ein Pflänzchen ist hartnäckig, das lässt sich nicht einfach rausreißen, wenn es einmal wo wächst. Ich wünschte, ich könnte dir einen Rat geben, alter Freund, denn du bewegst dich da auf einem gefährlichen Pfad, da will jeder Schritt wohl überlegt sein…“
Waldmeister nickt traurig. Schattenwind lehnt sich vor und legt ihm mit einer aufmunternden Geste eine Hand auf die gebeugte Schulter.
„Nun, diese Welt hat schon Schlimmeres gesehen und ist davon nicht untergegangen, stimmts? Und ich denke, vielleicht hat ein gestandener Jäger mit deiner Zahl an Jahresringen einfach auch das Recht, einen ungewöhnlichen Zweig ranken zu lassen.“ Schattenwind lächelt den Jäger freundlich an.
„Das Leben ist nun mal nicht nur Grün und Braun, mein Freund...“

*

Es sind fast sechs Wochen vergangen seit dem Ritual in der Höhle. Waldmeister sitzt im Schneidersitz auf den warmen Holzbrettern des Anlegestegs an seinem verborgenen Zufluchtsort. Er hält Sanktima in den Armen, die vertrauensvoll an ihn gelehnt vor ihm sitzt. Zärtlich streichelt er über ihr Haar, mit einem Seufzer schmiegt sie sich enger an ihn. Möwen kreisen in der milden Seeluft und langsam geht die Sonne als glutrote Kugel am Horizont unter.

Sie hören, wie Waldwesen im Stall hinter ihnen die Tiere füttert, die hier ihr Gnadenbrot fristen. Die junge Nachtelfe hatte Waldmeister und Sanktima begleitet, um sich weiter um die Genesung von Sanktima zu kümmern. Denn auch wenn Waldmeister sie von Herzen liebt, so hält er es eben doch nicht lange an einem Ort aus, und in einer Hütte schon gar nicht. Wenn er mit Pardus wieder hinauszog hatte Waldwesen die Verbände gewechselt und dafür gesorgt, dass Sanktima aß und viel von dem bittersüßen Kräutertee trank. Am Ende hatte beides – die Liebe des Jägers und die Fürsorge der Druidin – dazu geführt, dass Sanktima sich wieder erholt hatte.

„Sie schaut mich manchmal ein wenig merkwürdig an.“ Sanktima spielt gedankenverloren mit einem Faden an Waldmeisters Ärmel.
„Wer, Liebste?“
„Die junge Druidin…“
Waldmeister lacht mit leiser rauer Stimme.
„Jung? Na jo, nach Nachtelfen-Jahren scho, aber sie is um vieles älta als du, mei Schöne…“
Sanktima kichert.
„Also gut: Die ALTE Druidin schaut mich manchmal merkwürdig an…“
Waldmeister lächelt und umarmt Sanktima noch etwas fester.
„Und warum glaubst, tut´s das?“
„Manchmal denke ich, sie sucht etwas, dann wieder habe ich das Gefühl, sie ist erstaunt darüber, dass sie… mich mag.“
„Nun, Waldwesen hat all´n Grund, Menschen gegenüber sehr misstrauisch zu sein. Um so glücklicha bin i, wenn´s dich mag, denn schließlich bist du mei Gefährtin…“
Sanktima antwortet nicht, und ohne sie anzusehen kann Waldmeister spüren, dass ein Schatten über ihre Augen huscht. Zärtlich streicht er ihr das Haar zurück und küsst sie auf das Ohr, dann den Hals.

Dabei fällt ihm wieder der kleine Gnomen-Ohrring auf, den Sanktima seit der Nacht der Entführung wie einen Talisman trägt. Als man im Wohnbaum Sanktimas Verschwinden bemerkt hatte und kurz darauf die Nachricht fand, dass sie sich allein zu dem Treffpunkt aufgemacht hatte, waren alle erst einmal ratlos gewesen, was zu tun sei. Hephestos machte sich furchtbare Vorwürfe, und nur mühsam konnte man ihn davon überzeugen, dass er die starrsinnige Paladin ohnehin von nichts hätte abhalten können.
„Sicher kommt sie gleich zur Tür herein!“, so munterten sich alle gegenseitig auf und nickten dazu. Doch mit der Zeit klang der Satz immer zweifelnder.

Als Sanktima nach vierundzwanzig Stunden immer noch nicht wieder zurück war, schickte man nach Waldmeister, der mit Pardus in den Wäldern war und irgendwo sein Lager aufgeschlagen hatte. Kurz darauf polterte der Jäger wortlos und mit versteinertem Gesicht in den Wohnbaum, schaute lange auf Sanktimas Notiz und knallte den Zettel dann auf den Tisch. Er wollte sofort losstürmen und nach Sanktima suchen, doch die anderen redeten auf ihn ein und hielten ihn zurück, denn schließlich wusste man ja nicht, wo sie war.

Da meldete sich das Gnomenkind Gulp zu Wort:
„Ich kann Dir helfen, sie zu finden…. glaub ich.“ Gulp hatte einen kleinen Kasten in der Hand, der piepste und blinkte und bedenklich nach instabiler Gnomen-Technologie aussah.
Als Gulp bemerkte, dass alle sie anstarrten und sie allein im Mittelpunkt des Interesses stand, wuchs sie vor Stolz ganze zwei Zentimeter.
„Ich hab ihr ein Geschenk gemacht, schönen Ohrring. Und damit sie den Ohrring nicht verliert, hat Ohrring einen Sender. Und schau: Hier kann ich sehen, in welcher Richtung ich suchen muss, wenn ich Ohrring finden will...“
Es hatte nur Minuten gedauert, dann hatte sich Waldmeister von der Gnomin die Funktionsweise des kleinen Kastens erklären lassen und war zum Aufbruch bereit. Natürlich bot der Krieger Miltone sofort an, ihn zu begleiten, doch Waldmeister wiegelte ab:
„Alleine bin i schneller...“

„Liebster?“
Sanktimas Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken.
„Es wird kühl, lass uns ins Haus gehen, ja?“
Noch einmal küsst er sie, umarmt sie fest, dann löst er sich widerwillig von ihr und hilft ihr aufzustehen. Als er sieht, wie ihr die Bewegung immer noch schmerzt, verfinstert sich sein Gesicht. Er hebt sie hoch und nimmt sie in die Arme, so wie damals, als er sie am Strand fand. Doch diesmal ist ihr Atem an seinem Hals warm und gleichmäßig, und er wünschte sich, er könnte sie für alle Zeiten so halten.

Es war Zeit, Heimzukehren. Während Waldmeister auf einem seiner Streifzüge durch die Wälder war, hatte Sanktima beschlossen, wieder zurück in den Wohnbaum zu ziehen. Jetzt steht sie auf der kleinen Veranda der Hütte, die in den letzten Wochen ihre Zuflucht war, und blickt sich noch einmal wehmütig um. Alles an diesem Ort ist friedlich und ruhig, und alles an diesem Ort erinnert sie an Waldmeister. Behutsam streicht sie mit der Hand über das breite Steingeländer der Veranda und erinnert sich an eine regnerische Nacht, als Waldmeister und sie hier…
„Sanktima? Willst du das Buch hier auch mitnehmen?“, ruft Waldwesen von hinten aus der Hütte und wedelt mit einem Folianten über Kräuterkunde. Mit einem Seufzer reißt Sanktima sich zusammen, mit einer schnellen Handbewegung wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und dreht sich zu Waldwesen um.
„Ja bitte, sei so lieb, ich will alles mitnehmen. Wer weiß, ob… wann ich wieder hierher komme…“
„So, ich glaube, dann hab ich alles…“
„Und du willst wirklich nicht mitkommen, Waldwesen? Es würde dir gefallen. Der Wohnbaum ist sehr geräumig und seine Bewohner die wohl freundlichsten Abenteurer, die man in dieser Welt finden kann. Frau Meier würde dich dort sicher Willkommen heißen und ich weiß, dass da noch eine hübsche Kammer frei ist, ganz in der Nähe von meiner und…“
Sanktima verstummt, als sie sieht, dass Waldwesen traurig lächelt.
„Ach Sanktima, ich lass dich ja auch nur ungern alleine gehen. Aber du brauchst mich jetzt nicht mehr und ich weiß nicht, ob Hephestos mir begegnen möchte… oder ich ihm.“ Unbewusst zieht Waldwesen ihren Umhang um die Schulter mit dem Armstumpf. „Ich denke, es ist noch zu früh dafür…“
„Ja, da hast du sicher recht.“ Sanktima umarmt die Druidin. „Danke für alles, du wirst mir sehr fehlen. Und ich werde ganz sicher nie vergessen, was du für mich getan hast.“
Waldwesen lächelt und schaut ein wenig verlegen zu Boden.
„Ach, das war doch nichts… ich hätte ja nie gedacht, dass ich das mal sagen würde – aber für eine Menschin bist du schon ungewöhnlich… rettenswert.“

Noch einmal umarmt Sanktima die Druidin, dann legt sie ihr Schwert an, bringt das Bündel mit ihren Habseligkeiten hinaus und schnürt es auf ihr Pferd, schwingt sich in den Sattel und reitet davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

*

Auch wenn die Tage noch mild sind, so kündigt die Kälte der Nacht doch den nahenden Winter an. Es riecht nach feuchter Erde, nach Laub und nach Schnee. Als Sanktima an diesem Morgen in aller Frühe aus dem Wohnbaum ins Freie tritt, kann sie ihren Atem in der Luft sehen. Sie geht hinüber zu der Übungspuppe, die nahe am Waldrand steht. Eine Weile steht sie regungslos da, die Augen geschlossen. Dann zieht sie ihr Schwert und beginnt mit dem täglichen Training. Schon bald hört man nur noch ihren keuchenden Atem und die gleichmäßigen Schläge, wenn das schwere Zweihandschwert auf das harte Holz der Übungspuppe trifft.

„Du solltest deine Wut besser fokussieren, dann brauchst Du weniger Kraft…“
Bei den Worten des Kriegers zuckt Sanktima zusammen. Sie lässt das Schwert mit der Spitze zu Boden sausen und lehnt sich nach Luft schnappend auf den Schwertknauf.
„Miltone, seit wann schleichst du denn hier herum …“
„Ich wollte mal sehen, wer hier alles zu Kleinholz verarbeitet…“ Miltone begutachtet die schwer angeschlagene Übungspuppe. Nachdenklich fährt er mit der Hand über eine tiefe Kerbe. Dann wendet er sich wieder Sanktima zu:
„Und außerdem schleiche ich nicht. Immer gerade raus und direkt drauf zu, das ist mein Motto. Also, ohne Umwege: Was soll das hier werden?“
„Was meinst du? Nichts soll das werden! Ich meine, ich trainiere einfach nur, schließlich muss ich doch wieder in Form kommen, oder…?“
Miltone schaut der Paladin ernst ins Gesicht.
„Ich kenne dich lang genug, und ich erkenne ein Ausweichmanöver, wenn ich eins sehe. Das hier…“, er deutet auf die ramponierte Übungspuppe, „…das hier hat mit Training nichts zu tun.“

Sanktima kann dem Blick des Kriegers nicht standhalten, sie wendet den Kopf ab, trotzig schiebt sie ihr Kinn vor, doch ihre Lippen zittern und in ihren Augen glitzert er verdächtig.
„Danke für deine Ratschläge, aber davon verstehst du nichts. Ich muss mich vorbereiten, denn ich muss noch ein paar Dinge in Ordnung bringen, bevor… weil ich sonst nicht… ich muss noch was erledigen, so ist das eben!“ Damit ergreift sie wieder das Schwert, lässt es in einem sirrenden Schwung über ihrem Kopf kreisen und auf die Übungspuppe niedersausen. Holzspäne fliegen in alle Richtungen und mit einem dumpfen Poltern fällt der Arm der Puppe zu Boden. Sanktima steht wie betäubt und starrt auf das zerborstene Stück Holz. Dann beginnen ihre Schultern zu zucken, das Schwert fällt ihr aus der Hand und sie sinkt schluchzend auf die Knie. Betreten und ein wenig unsicher räuspert sich Miltone:
„Ich… ähm… hm, so schlimm also, was…. also, ich bin für dich da, ähm… ich meine… wenn ich irgendetwas tun kann…?“
Vorsichtig legt er Sanktima seine Hand auf die Schulter. Als sich die Paladin wieder etwas beruhigt hat, kniet er sich neben sie und kramt in seinen Taschen. Umständlich zieht er ein etwas zerschlissenes, aber unbenutztes Taschentuch hervor.
„Da, noch ganz sauber…“
Sanktima greift nach dem Taschentuch, wischt sich damit die Tränen ab und schnäuzt sich. Dann hält sie dem Krieger das Tuch wieder hin.
„Danke.“
„Schon gut…“, Miltone schaut skeptisch auf das benutze Tuch. „Behalt es.“
Sanktima lächelt ihren alten Kampfgefährten an, dann holt sie tief Luft und strafft die Schultern.
„Das hier, das bleibt unter uns, oder?“
„Nur unter einer Bedingung…“, Miltone steht auf, reicht Sanktima die Hand und zieht sie ebenfalls auf die Füße. Dann bückt er sich, hebt das Schwert auf und reicht es ihr.
„…ich komme mit, wenn es losgeht.“
Bevor Sanktima darauf antworten kann dreht er sich um und stapft zurück in den Wohnbaum.

Die Paladin schaut ihm nachdenklich hinterher.
„Das kann ich dir leider nicht versprechen, lieber Freund. Aber in dem Punkt hast du Recht: Ich werde Unterstützung benötigen…“

*

Im Zwergenviertel von Sturmwind hängt stets der Geruch von Kohlefeuer und Eisen in der Luft. Schwere Schmiedehämmer schlagen Tag und Nacht im ewig gleichen Takt. Hier herrscht ein rauerer Ton als im feinen Magierviertel oder der gediegenen Altstadt, doch Sanktima ist gerne hier und kennt den Weg.

In der Gaststätte neben der Tiefenbahn stehen verschwitzte Zwerge mit schwieligen Händen am Tresen, um nach getaner Arbeit den Dreck in den Kehlen mit einem dunklen Bräu herunterzuspülen. Niemand schaut auf, als die hochgewachsene Paladin den gut besuchten Schankraum betritt und sich kurz umsieht. Ihre Verabredung scheint noch nicht da zu sein. Also nimmt sie an einem freien Tisch so Platz, dass sie die Tür im Blick hat. Mit einem breiten Lächeln stellt die dralle Bedienung einen Humpen Met vor Sanktima.
„Hier, von dem Herrn dahinten…“, sagt sie grinsend mit einem Kopfnicken zum Tresen, und schon ist sie wieder weg.
Sanktima schaut in die angedeutete Richtung und sieht dort einen jungen Zwerg mit einem imposanten Schnurrbart, der ihr auffällig zuprostet und sich auch gleich seinen Weg durch die Menge zu ihr bahnt.
„Na, du langbeinige Schönheit, schon mal was mit einem Zwerg gehabt? Ich schwöre dir, danach willst du keinen anderen mehr…“
Über so viel gesundes Selbstbewusstsein muss selbst Sanktima grinsen. Freundlich dankt sie für das Met und komplimentiert den kleinen Don Juan wieder zurück an den Tresen. In dem Gewimmel der überfüllten Gaststätte verliert sie ihn aus den Augen, doch sie kann ihn noch hören, wie er sein Glück bei einer jungen Draenai versucht:
„Na, du blauhufige Schönheit, schon mal was mit einem Zwerg gehabt? Ich schwöre dir, danach willst du keinen anderen mehr…“

Als Sanktima sich wieder der Tür zuwendet, sitzt plötzlich Lares wie aus dem Boden gewachsen neben ihr auf dem Stuhl.
„Lares, meine Güte, ich hab dich gar nicht reinkommen sehen…“
„Wenn man mich bei so was sehen würde wärst du jetzt nicht hier, um meine Dienste in Anspruch zu nehmen, stimmts?“ Er strahlt sie mit seinem charmantesten Schurkenlächeln an. Dann senkt er die Stimme.
„Und? Was steht an? Was kann ich für dich tun?“
„Nun…“, Sanktima zögert, „vielleicht hast du ja gehört, was mir passiert ist…“
Lares Lächeln verschwindet und ein eisblauer Glanz funkelt in seinen Augen.
„Ja, natürlich. Aber bevor du weiterredest würde ich einen kleinen Ortswechsel vorschlagen. Hier sind einfach… zu viele Ohren…“ Lares starrt grimmig eine neugierige Menschen-Kriegerin an, die sich daraufhin mit einem empörten Schnauben abwendet.

*

Wenig später bummeln Lares und Sanktima wie harmlose Städter am Kanal von Sturmwind entlang. Als sie am Kathedralviertel vorbei in Richtung Hafen schlendern, sieht Lares sich auf einmal um. Niemand ist in der Nähe, und blitzschnell öffnet er mit einem Dietrich das Schloss einer Haustüre. Noch ehe Sanktima begreift, was gerade geschieht, hat er sie die zwei Stufen hoch durch die Tür bugsiert, ist auch selbst ins Haus geschlüpft und hat die Türe gleich wieder hinter sich verschlossen. Einen Moment noch steht er aufmerksam lauschend unbeweglich da, dann atmet er erleichtert auf und zündet eine Kerze an, die auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes steht.
„So, hier können wir uns ungestört unterhalten…“
„Wo sind wir hier?“ Neugierig sieht Sanktima sich um. Die Einrichtung ist schlicht, aber zweckmäßig und gemütlich. Im hinteren Bereich ist eine kleine Küche mit einer Kochstelle zu erkennen, Treppen führen nach unten in den Keller und nach oben, wo wahrscheinlich ein Schlafraum ist.
„Das hier ist ein sicheres Haus, ein Fuchsbau.“
„Fuchsbau?“
„Ja. Die Gemeinschaft der Schurken hat überall in ganz Azeroth solche Fuchsbauten. Häuser in ruhigen Seitenstraßen, Höhlen, Keller, manchmal nur ein Schrank – was auch immer. In jedem Fall ein sicherer Zufluchtsort, um auszuruhen, sich zu verstecken oder eben – um zu reden. Bitte, setzt dich doch.“ Lares deutet auf einen der beiden Stühle. Sanktima nimmt Platz, Lares setzt sich im Schneidersitz auf den anderen Stuhl.
„Also, ich bin ganz Ohr…“

Sanktima holt tief Luft.
„Ich muss jemanden finden. Sagt dir der Name Mallakai etwas…?“
„Ich dachte mir so was schon…“, murmelt Lares fast so, als spräche er mit sich selbst.
„Ich habe da ein paar Informationen für dich vorbereitet, und gänzlich gegen meine sonstigen Geschäftsgewohnheiten werde ich sie dir sogar kostenlos überlassen.“
„Vorbereitet? Aber wieso, ich meine… woher…?“
„Natürlich bin ich vorbereitet. Vorauszuahnen, was passieren könnte, ist eine der herausragendsten Eigenschaften eines Schurken. Ihr Schwertschwinger reagiert doch immer nur, Angriff, Gegenangriff, Parade. Vorher zu wissen, wohin die Reise geht, das passende Gift, die benötigte Information schon lange zur Hand zu haben, das ist es, was einen guten Schurken auszeichnet. Wieso ist das denn nur so verwunderlich?“ Fast verärgert schüttelt er den Kopf.
„Aber gut, es macht nichts, wenn sich unsere Strategien noch immer nicht rumgesprochen haben. Also, kommen wir zum Wesentlichen. Ich habe einiges Interessantes über Mallakai und seinen Orden der ewigen Hüter erfahren…“
„Erfahren? Von wem?“ Sanktima unterbricht ihn.
„Nun, wenn ich dir das verrate, muss ich dich töten.“ Lares lässt wieder sein strahlend-weißes Lächeln aufblitzen, doch für einen Moment ist sich Sanktima nicht sicher, ob er tatsächlich scherzt.

„Also weiter. Der Orden der ewigen Hüter wurde von besonders eifrigen Priestern aus reichem Hause gegründet. Man gefiel sich in der Rolle der überlegenen Intelligenz und Moral und verstand es trefflich, unter diesem Deckmantel gute Geschäfte mit hohen Profiten zu tätigen. Als militärische Macht und Aushängeschild zog man sich eine ausgewählte Gruppe von Paladinen heran, die tatsächlich glaubten, sie würden mit dem Dienst am Orden dem Licht dienen. Viele der einfacheren Priester bewunderten den elitären Orden und waren nur zu gern bereit, den Einflüsterungen und offenen Aufrufen des Ordens wann immer möglich zu folgen. Und für die Drecksarbeit griff man von Anfang an gerne auf tumbe Söldner zurück, die bereit waren, für Gold alles zu tun.“
„Die Schläger…“, murmelte Sanktima.
„Ja, die Schläger.“ Lares nickte.
„Und die Helfer mit dem Beiboot. Bezahlte Handlanger, nicht mehr – aber deswegen nicht weniger schuldig…“ Lares spuckte auf den Boden.
„Nun, ein paar Generationen lang lief alles recht gut für den Orden. Man fiel nicht weiter auf und konnte im Verborgenen taktieren und agieren und an Einfluss, Gold und Macht gewinnen. Die Paladine stammten inzwischen alle in direkter Linie von den Gründern des Ordens ab, und akribisch war man darauf bedacht, dieses ‚reine Blut’ zu erhalten. Tja, und dann kam Mallakai an die Spitze des Ordens. Und dann ging einiges gründlich schief…“

Lares steht auf, geht zum Kamin hinüber und zündet ein Feuer an. Dann kramt er in seinem Lederbeutel, zieht eine Flasche Fusel hervor, öffnet sie und nimmt einen Schluck. Wortlos hält er Sanktima die Flasche hin, die wischt kurz über das Mundstück und stärkt sich ebenfalls mit dem Gesöff, dass kratzend und brennend die Kehle hinunter rinnt. Lares setzt sich wieder und fährt mit seinem Bericht fort.

„Hephestos, eben jener aus dem Wohnbaum, hatte durch Zufall ein verborgenes Tal entdeckt, den Hinterwald. Eifriges Priesterlein, das er damals war, musste er das natürlich gleich dem Orden melden. Der witterte ein gutes Geschäft, doch es fehlte ein Vorwand, schließlich konnte man ja nicht einfach so ein Nachtelfen-Tal annektieren. Nun waren Nachtelfe schon damals nur misstrauisch geduldet in Sturmwind, und es gelang dem Orden, die Priesterschaft weiter aufzuhetzen. Als dann noch zufällig mitten in Sturmwind auf offener Straße ein Nachtelf innig eine Menschenfrau küsste, war es ein leichtes für Mallakai, die Empörung in die richtigen Bahnen zu lenken. Man müsse diese Wilden bekehren, man müsse ihnen zeigen, wo ihr Platz in der natürlichen Rangordnung sei, und vor allem müsse man dafür sorgen, dass all die Bodenschätze, das Wild und das Leder, die feinen Kräuter und das edle Holz aus dem Hinterwald endlich für die zivilisierten Bewohner von Sturmwind erschlossen würde. Zivilisierte Bevölkerung, pah…“ Wieder spuckt Lares aus, diesmal in die Flammen, dass es zischt. Einen Moment starrt er grimmig vor sich hin, dann redet er leise weiter.

„Eigentlich müsste dir Hephestos diese Geschichte erzählen. Er führte damals die Expedition in den Hinterwald. Frag ihn mal danach, wenn er wieder nachts schreiend aufwacht und im Wohnbaum umherwandert, weil ihn die Bilder von damals nicht loslassen. Mich verfolgt es schon, und ich habe es mir nur erzählen lassen von einem, der damals dabei war. Den ersten hat es schon zerrissen, noch bevor sie überhaupt durch den Durchgang im Tal waren. Dann haben die Söldner durchgedreht und fast ein Kind getötet, den Arm hat es verloren, das arme Ding. Und dann brach das Chaos aus…“
„Waldwesen? Das also hat sie gemeint…“ Sanktima läuft eine Träne über die Wange, sie bemerkt es nicht.
„Am Ende waren fast alle tot, eine Handvoll Nachtelfe hatte sich hoch hinauf in die Berge geflüchtet und dort verschanzt, die letzten überlebenden Menschen saßen unten im Tal in der Falle, der Rückweg versperrt, ein Hinaus gab es nicht. Irgendwann ging ihnen das Fressen aus und dann…“, angewidert verzieht Lares das Gesicht.
„Zivilisiert? Dass ich nicht lache...“

Eine Weile starren beide gedankenverloren in die Flammen des Kaminfeuers. Schließlich seufzt Lares und spricht weiter.
„Dein Vater war Paladin im Dienste des Ordens, doch er spürte schon damals, dass die Motive des Ordens weit weniger ehrbar waren, als es nach Außen den Anschein hatte. Aber er hielt sich an den einmal geleisteten Treueschwur und versuchte so gut es ging, seine Ideale nicht zu verraten. Doch es fiel auf, dass er nicht mit dem Herzen dabei war, und so wurde er kurzerhand in ein kleines Arbeitszimmer verbannt, wo er fortan nur noch Abrechnungen prüfen und kleinere Unternehmungen organisieren sollte. Er war es, der die Expedition in den Hinterwald geplant hatte, er war es, der die Söldner ausgesucht und angeheuert hatte. Und als dann Hephestos mit dem halbtoten verstümmelten Kind als einziger Überlebender zurückkam, da war dein Vater der einzige im Orden, den das nicht kalt ließ. Er weigerte sich beharrlich, die Mission einfach nur als unrentablen Kostenfaktor abzubuchen und verlangte vom Orden, die Verantwortung für die Geschehnisse zu übernehmen. Doch man wollte lieber den Mantel des Vergessens über die Geschichte breiten. Zu schmerzhaft war der Verlust – an Prestige und Gold, wohlgemerkt.
Aber die Sache sickerte durch, die Leute begannen zu reden, man misstraute künftig den Anordnungen des Ordens. Und, was noch schlimmer war: Zahlreiche Investoren hatten bei diesem Fiasko Gold verloren und forderten es zurück, in jedem Fall beendeten sie die Geschäftsbeziehungen zu dem Orden. Mallakai liefen die Anhänger davon, seine Macht schwand ebenso schnell wie sein Besitz. Er wurde panisch, ließ wahllos vermeintliche Verräter in den eigenen Reihen festsetzen, foltern und töten.“
„Meinen Vater…“, sagt Sanktima mit erstickter Stimme.
„Ja, auch deinen Vater. Als er erkannt hatte, dass sein Leben der falschen Sache gewidmet war, hatte er angefangen zu trinken. Es hat ihn zerfressen. Ich denke, am Ende begrüßte er den Tod…“
Lares nimmt noch einen langen Schluck aus der Flasche, dann reicht er sie wieder an Sanktima weiter. Die lehnt mit einem Kopfschütteln ab.

„Schließlich blieb Mallakai allein zurück, nur noch umringt von einer Handvoll bezahlter Schergen. In seinem Wahn begreift er gar nicht, dass seine Sache längst verloren ist. Immer noch schwelgt er in dem Gefühl, er hätte Macht und Einfluss. Ich denke, dich zu entführen war ein letzter verzweifelter Versuch, noch einmal den alten Glanz des Ordens aufleben zu lassen…“
„Verzeih, dass sich mein Mitleid in Grenzen hält…“, sagt Sanktima mit unverhohlenem Spott.
„Oh bitte, keine Ursache“, grinst Lares. Dann, wieder ernst, redet er weiter.
„Jedenfalls denkt er wohl immer noch, dass du tot bist. Er ist seitdem verschwunden. Es gibt ein paar Gerüchte, er sei bei den Piraten im Schlingendorntal untergeschlüpft. Andere sagen, er habe sich in einem Kloster in Tirisfal verschanzt. Wieder andere wollen ihn bei den Defias in Westfall gesehen haben. Wie gesagt, alles nur Gerüchte…“
„Und nun? Wie finde ich ihn? Ihn – und seine zwei Schläger…“
„Du weißt, dass Rache ein dunkler Pfad ist, oder?“ Lares schaut Sanktima direkt in die Augen, und heute weicht sie nicht aus. Aber sie antwortet auch nicht. Nach einer kleinen Ewigkeit blickt Lares schließlich zur Seite und räuspert sich.

„Nun gut, ich werde sehen, was ich herausfinden kann. Zwei Tage müssten genügen, denke ich. Bist du denn schon für einen Kampf bereit?“
„Sicher, ich trainiere jeden Tag…“, sagt Sanktima, und es klingt zaghafter als sie es wohl beabsichtigt hat.
„Ja, ja“, kichert Lares, „ich habe dein Training’ beobachtet. Immer feste drauf und dann ins Taschentuch heulen. Schau nicht so, was kann ich dafür, wenn du den schattigen Waldrand nicht im Auge behältst. Jedenfalls kommst du mit Kraft und Wut und Heiligen-Trallala alleine gegen diese Kerle nicht weit. Wenn du willst, zeig ich dir ein paar Kniffe, ganz einfach, wie wär´s?“
Sanktima schaut sich in dem kleinen Wohnraum um.
„Hier? Ist es nicht ein wenig beengt dafür?“
Wieder kichert Lares.
„Du Schäfchen. Ein Fuchsbau hat viele Kammern. Los komm mit, wir gehen in den Übungskeller…“, und damit springt er auf und mit drei Sätzen die Treppe hinunter. Sanktima folgt ihm mit gemischten Gefühlen.

Lares entzündet einige Öllämpchen, die auf Simsen und Tischen stehen. Das erste, was Sanktima im flackernden Halbdunkel auffällt, ist eine große gepolsterte Matte in der Mitte des Raumes, der sich weit über den eigentlichen Grundriss des Hauses hinaus erstreckt. An einer Wand hängen Wurfscheiben, in manchen stecken Dolche. Und gleich rechts neben der Treppe stehen zwei verkleidete Übungspuppen, eine angezogen wie ein reicher Kaufmann, die andere wie eine feine Dame der Gesellschaft. Erst auf den zweiten Blick bemerkt Sanktima die vielen kleinen Glöckchen und Schellen, die an den Kleidern festgenäht sind.
„Und was ist das hier? Kostüme für die Schlotternächte?“, fragt sie neugierig.
Statt zu antworten kommt Lares näher, und während er an den Puppen vorübergeht gleitet seine Hand kaum erkennbar an der Kaufmanns-Jacke entlang – da hält er auch schon einen Geldbeutel in der Hand.
„Jeder übt seine Profession auf eigene Art, meine Liebe“, grinst er und lässt den Geldbeutel ebenso geschickt wieder zurück in die Jacke gleiten, ohne dass dabei auch nur ein Glöckchen erklingt.
„Nun aber zu dir und deiner sehr eingeschränkten Art des Nahkampfes…“ Lares wendet sich der Mitte des Raumes zu und geht an den Rand der Matte. Hinter ihm klingelt ein Glöckchen, dann kommt Sanktima und stellt sich mit hochrotem Kopf neben ihn.
„Man wird ja noch mal was versuchen dürfen“, murmelt sie verlegen.
„Aber sicher, sicher – deswegen sind wir ja hier: um den Horizont zu erweitern…“ Lares versucht nicht einmal, sein Grinsen zu verbergen. Er stellt sich in die Mitte der Matte, das Gesicht Sanktima zugewandt.
„Also los. Greif mich an!“
Verdattert schaut Sanktima den Schurken an. Dann stürmt sie auf ihn los, packt ihn am Kragen und will ihn nach hinten stoßen. Doch statt sich zu wehren und dagegen zu halten weicht Lares einfach einen Schritt zurück, Sanktima verliert das Gleichgewicht, stolpert vorwärts und liegt mit einem Dolch an der Kehle auf dem Rücken, ehe sie begreift, was geschieht.
„Das ist Lektion eins: Kämpfe nicht gegen den Gegner, sondern lass den Gegner für dich kämpfen.“ Lares hilft ihr hoch und sieht sie ernst an.
„Manchmal muss man nachgeben, um zu gewinnen. Also los, gleich noch mal…“

*

Einige Stunden und mehrere Lektionen später schleicht Sanktima müde, mit blauen Flecken und um einige Erfahrungen reicher aus dem Fuchsbau und zurück in den Wohnbaum. Am Ende hatte sie es sogar einmal geschafft, den Schurken auf die Matte zu legen, doch sie ist sich nicht sicher, ob er ihr diesen kleinen Erfolg nicht um der Motivation willen geschenkt hat. In jedem Fall wird sie die nächsten Tage noch weiter üben. Doch jetzt will sie nur noch ein heißes Bad nehmen, vielleicht eine Kleinigkeit essen, und dann schlafen.

Die körperliche Erschöpfung kann nicht verhindern, dass sich die Gedanken in ihrem Kopf wieder und wieder im Kreis drehen. Rache ist ein dunkler Pfad, hatte Lares sie gewarnt. Als sie etwas später endlich im Bett liegt, kann sie diesen Pfad vor sich sehen. Am Wegrand stehen ihr Vater, Hephestos, Waldwesen und immer wieder verletzte und verstümmelte Menschen und Nachtelfe, die sie stumm ansehen. Und am Ende des Pfades steht… Mallakai.


4

Lares hatte Wort gehalten. Zwei Tage später bat er Sanktima zu einem Treffen am Waldrand, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Als sie dort ankommt stehen Miltone und die Kriegerin Kelisha reisefertig neben dem Schurken. Miltone brummt gleich los:
„Denk nicht mal im Traum dran, mich wegzuschicken. Und bevor du dich aufregst – los, Lares, sag es ihr…“
Fragend schaut Sanktima zu dem Schurken.
„Also, mein Informant hat mir bestätigt, dass Mallakai sich in einer verlassenen Mine in Westfall bei der Bande der Defias aufhält. Die beiden Schläger sind wohl bei ihm, es sind seine letzten Anhänger, und auch das wohl nur noch, solange sein Gold reicht. Jedenfalls werden wir sie dort aufscheuchen können – im Jangoschacht.“
„Wir? Ich gehe alleine, das ist allein meine Sache…“, sagt Sanktima trotzig.
„Hast du nicht zugehört, Mädchen? Mallakai hockt in einem Nest von Dieben und Mördern, und auch wenn sie keinerlei Grund haben, ihn zu beschützen, so werden sie sich doch wehren, wenn du in dieses Nest stichst…“
„Aber…“
„Nichts da, kein Aber – wir kommen mit und Schluss!“
Sanktima schaut von einem zum anderen. Kelisha nickt ihr lächelnd zu, Lares grinst und Miltone brummt nur:
„Du bist manchmal dickköpfiger als ich, aus dir wäre eine gute Kriegerin geworden…“
„Ich habe Freunde wie euch gar nicht verdient… Ich danke euch.“, Sanktima seufzt gerührt.
„Nun gut, wenn ihr alle soweit seit, dann können wir ja los…“
„Nicht so schnell, wir warten noch…“, unterbricht sie Lares.
„Warten? Auf wen denn?“

„Na auf mich, oder hast du gedacht, ich lass ma das entgeh´n…?“ Waldmeister tritt zwischen den Bäumen am Waldrand hervor. Pardus läuft auf Sanktima zu und streicht an ihrem Bein entlang, dann läuft er zurück zu seinem Herrn.
„Waldmeister! Was machst du denn hier, ich dachte…“, Sanktima schaut ärgerlich zu Lares hinüber, doch der zuckt nur mit den Schultern.
„Wie gesagt – ich verkaufe meine Informationen. Und Waldmeister hat mir mehr geboten als du…“
„Aber du hast doch gesagt, du willst von mir kein Gold…?“
„Jo, deswegen war es auch net schwer, dich zu überbiet´n!“ Lachend wirft Waldmeister dem Schurken eine Kupfermünze zu. Der steckt sie grinsend ein.
„Stets zu Diensten..“ Lares deutet eine Verbeugung an.
„Also? Wenn niemand mehr pinkeln muss können wir ja jetzt los…“

*

Sie erreichten die ausgedörrten Hügel von Westfall gegen Mitternacht. Ein blasser Vollmond leuchtete auf die dürre Steppe, so dass sie ihren Weg sicher fanden. Unweit des Jangoschachtes schlugen sie an einer geschützten Stelle ein Lager auf, um den Angriff vorzubereiten. Um nicht zufällig entdeckt zu werden, wurde kein Feuer entzündet, stattdessen hockten sie sich eng zusammen und ließen einen Weinschlauch kreisen. Dann war Lares losgezogen, um in Schutz der Schatten die Lage zu erkunden.
Jetzt warten die anderen auf die Rückkehr des Schurken.

Miltone und Kelisha sind in ein Gespräch vertieft, sie tauschen Kriegergeschichten aus, während sie sich gegenseitig die Kerben in ihren Schilden zeigen. Sanktima und Waldmeister sitzen ein wenig abseits, Pardus liegt zusammengerollt neben seinem Herrn. Den ganzen Weg hatte Sanktima kein Wort mit Waldmeister gesprochen. Als er unterwegs einmal versucht hatte, ihre Hand zu nehmen und sie zu küssen, da hatte sie sich trotzig abgewandt und ihrem Pferd die Sporen gegeben, um ein Stück vorauszureiten. Auch jetzt sitzt sie weiter als eine Armlänge von ihm entfernt und starrt schweigend in die Nacht.

Waldmeister schaut seine Geliebte lange an, dann seufzt er und krault Pardus hinter den Ohren.
„Jo, Pardus, so ist das manchmal, da sitzt direkt vor was und weißt nicht, wie du rankommen sollst. Packst einfach zu, verschreckst es vielleicht, schleichst dich ran, dann faucht und kratzt es vielleicht. Na, was sagst, alter Freund, was sollen wir machen…?“
Wieder schaut Waldmeister zu Sanktima hinüber, die keine Reaktion zeigt. Da steht die Großkatze auf, als habe sie jedes Wort verstanden, schleicht zu Sanktima hinüber und stupst sie mit ihrem breiten Schädel an, und dann, als die Paladin immer noch nicht reagiert, schlappt ihr Pardus mit seiner großen rauen Zunge einmal mitten durchs Gesicht. Fluchend und lachend springt Sanktima auf.
„Herrje, Pardus, ist ja lieb gemeint, aber du stinkst nach toter Ratte…!“ Sanktima wischt sich mit dem Ärmel die Katzenspucke aus dem Gesicht.
„Also ihr zwei seid wirklich so was von… wie lang hast du gebraucht, um ihm das beizubringen, hm?“
Waldmeister lächelt unschuldig.
„Ich hab nix gemacht, ehrlich, das macht er ganz von allein, aus sein Herz raus. Übahaupt is´ bei uns nie klar, wer wem was beibringt. Komm, i helf dir...“
Waldmeister steht auf, nimmt ein Tuch aus der Tasche und geht zu Sanktima. Vorsichtig wischt er über ihre Wange. Diesmal weicht sie nicht zurück.
„Und? Is´ es bessa jetzt?“, fragt Waldmeister mit leiser Stimme.

Sanktima umfasst seine Hand, schmiegt ihr Gesicht dagegen und schließt die Augen. Einen Moment bleiben sie schweigend so stehen, eng beieinander. Dann nimmt Waldmeister seine Geliebte vorsichtig in die Arme.
„Magst mir sagen, was los ist? Warum wolltest du nicht, dass ich mitkomme?“
Sanktimas Antwort ist nur ein Flüstern an seiner Brust.
„Ich wollte nicht, dass du siehst, was er aus mir gemacht hat. All die… Wut, ich… wollte nicht, dass du mich so siehst…“
Waldmeister hält sie fest, küsst sie auf die Stirn.
„Ach, meine Liabste, i seh dich so oder so, und i seh, was du bist, tief innendrin, und da ist er net ran´kommen, da bist imma noch du. Und die Wut, die hab i auch, glaub mir, und die brennt und die muss raus. Und drum mach ma das zusammen, und wennz vorbei ist, dann nehm ich dich mit in den Wald, und dann schlaf´ ma uns aus und ruhn uns aus, bis ma wieda ganz wir sind.“
Sanktima hebt das Gesicht. Sie lächelt, und Tränen laufen über ihre Wangen.
„Ich bin so froh, dass du mich gefunden hast, Liebster…“
„Ja, das hab ich, und du mich…“

Lange stehen sie so eng umschlungen da, ganz versunken in das Gefühl der Nähe, beide Körper nur eine Silhouette gegen den schimmernden Nachthimmel.
Da taucht noch ein Schatten neben ihnen auf, dann ein verlegenes Räuspern. Lares ist zurück.
„Ich unterbreche euch Turteltäubchen ja nur ungern– aber wir sollten uns jetzt langsam auf den Kampf vorbereiten…“

Lares berichtet, was er in Erfahrung gebracht hat. Kurz vor der Morgendämmerung sei Wachwechsel, der perfekte Zeitpunkt für einen Angriff. Die Nachtwachen würden müde sein, die Tageswachen noch verschlafen. Noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Jeder prüft noch einmal Waffen und Rüstung. Dann machen sie sich auf den Weg.

Vor dem Eingang zum Schacht stehen nur wenige Wachen auf Einzelposten, ein kleiner Trupp patrouilliert dazwischen. Lares schaut jeden der Gefährten der Reihe nach an, mit einem Kopfnicken signalisieren sie ihre Kampfbereitschaft.
Lares schleicht voran, verschmilzt mit der Umgebung, um dann unvermittelt hinter dem nächststehenden Posten aufzutauchen. Noch bevor der auch nur einen Laut herausbringt, sinkt er mit aufgeschnittener Kehle zu Boden. Nun rücken die anderen vor, um an dieser Stelle die Patrouille abzufangen, die ahnungslos dem Tod in die Arme läuft. Lares hat inzwischen einen weiteren Posten ausgeschaltet, noch immer ahnen die Defias im Inneren der Mine nicht, was sie erwartet. Fast haben die Fünf den Eingang erreicht, als plötzlich ein Wachposten verschlafen hinter ein paar Kisten auftaucht. Offenbar hatte er sich dort versteckt, um heimlich ein Nickerchen zu machen, jetzt ist er schlagartig hellwach und kreischt schrill „Alarm!“, noch bevor Waldmeister ihn mit einem Pfeil für immer zum Schweigen bringt.

Nun erwacht der Defias-Bau zu hektischem Leben.
„Wir werden angegriffen – zu den Waffen!“, hallt es aus den Gängen der Mine.
Miltone und Kelisha übernehmen die Position an vorderster Stelle, um die anstürmenden Defias in Schach zu halten. Lares wirbelt umher, seine Klingen zerschneiden Leder und Haut, Fleisch und Knochen. Sanktima lässt ihre Richturteile niedersausen, während Waldmeister seine Pfeile mit tödlicher Präzision in Körper und Köpfe feuert. Pardus jagt denen hinterher, die versuchen zu flüchten und schlägt ihnen seine scharfen Fangzähne ins Genick.
„Wo ist er? Ist er hier?“, ruft Sanktima Waldmeister zu. Der nimmt die Fährte auf und nickt.
„Jo, hint´ drin irgendwo in der Höhle, weita unt´, da ist er, und die beiden Schläga auch…!“
Immer weiter dringen sie in die Mine vor, steigen dabei über die Toten am Boden. Immer weniger Defias stürmen heran, immer schneller kommen sie vorwärts. Dann öffnet sich der Gang zu einem größeren Raum, hier lagern Vorräte, von den Defias ist nichts zu sehen. Aus den Tiefen der Mine hört man noch vereinzelt schnelle Schritte, ab und zu einen ängstlichen Aufschrei. Sanktima sieht sich um. Von diesem Raum aus gehen vier Gänge in alle Himmelsrichtungen, sie sind den Gang von Westen aus gekommen.
„Was nun?“
Waldmeister versucht die Spuren am Boden zu deuten, und auch Pardus läuft von einem Gang zum anderen, um Witterung aufzunehmen. Dann hebt der Jäger bedauernd die Schultern.
„I kann nix eindeutig´s sagen, da sind sie schon noch, soviel ist sicher, aber wie wir da hinkommen…“
„Dann müssen wir uns aufteilen…“, schlägt Lares vor.
„Ich geh mit Miltone nach Norden, Sanktima mit Kelisha nach Süden, Waldmeister und Pardus versuchen ihr Glück mit dem Gang, der nach Osten führt. Wir treffen uns wieder hier, niemand geht allein ein Risiko ein, verstanden?“
„Jo, jo, jetz´ blas di´ net so auf, Jungspund“, brummt Waldmeister, „I hab schon ´kämpft, da hast du noch mit der Rass´l g´spielt…“
„Wir werden sehen, wer am Ende auf wessen Grab tanzt, mein Alter…“, gibt Lares zurück.
„Na gut also – viel Glück..“

*

Der Gang nach Süden macht nach wenigen Metern eine Biegung nach links und führt dann in sanftem Gefälle bergab. Kelisha geht voran, den Schild erhoben, Sanktima folgt mit gezogenem Schwert. Nur einmal dringt von weiter oben Kampfeslärm, offensichtlich hat Pardus Defias aufgespürt, sein Fauchen und Knurren beendet die Schreie abrupt. Dann ist es wieder still. Immer weiter dringen Kelisha und Sanktima vor. Die Feuerschalen, die den Gang beleuchten, stehen jetzt weiter auseinander, so dass es immer dämmriger wird. Schließlich endet der Gang in einer Höhle, die völlig im Dunkeln liegt.
„Hier unten ist nichts mehr, oder was meinst du?“, flüstert Kelisha der Paladin zu.
„Ich weiß nicht so recht…“, flüstert Sanktima zurück. „Vielleicht sollten wir die Höhle noch überprüfen – ich will nichts übersehen…“
„Gut, lass mich vorgehen, ich…“

Mit einem wütenden Aufschrei stürmt einer der Schläger aus dem Dunkel hervor und auf Kelisha zu, wirft sich mit voller Wucht gegen den Schild, der zurückschnellt und Kelisha am Kopf trifft, so dass sie benommen in die Knie geht. Dann stürmt auch schon der zweite Schläger von der Seite heran, sein Blick fast irre vor Angst. Er schwingt einen Streitkolben und will auf Sanktima losgehen. Nur einen Lidschlag lang überwältigen Sanktima die dunklen Erinnerungen beim Anblick ihrer Peiniger, dann saust ihr Schwert in weitem Bogen über ihren Kopf und mit solcher Wucht auf die Schulter des ersten Schlägers, dass es ihn bis zum Bauch durchfährt und fast in zwei Hälften teilt. Stumm sinkt er zu Boden, schon tot, bevor sein Kopf die Erde berührt. Da hat Sanktima das Schwert bereits wieder aus dem zerfetzten Leib gezogen und die blutige Klinge saust erneut durch die Luft. Mit einem dumpfen Schlag fällt der Arm des zweiten Schlägers vor Sanktimas Füße. Nun ist auch Kelisha wieder klar, noch kniend reißt sie ihr Schwert nach oben und rammt es dem immer noch stehenden Schläger von unten in den Unterleib. Der wankt noch einen Schritt rückwärts, dann stürzt er wie ein gefällter Baum der Länge nach hin, die Augen glasig und starr.

Schwer atmend verharren die beiden Frauen einen Moment regungslos.
„Verdammt, ich hab den nicht kommen sehen, tut mir leid…“, entschuldigt sich Kelisha.
„Vergiss es, geht es dir gut, was macht dein Kopf?“
Kelisha betastet vorsichtig ihren Kiefer.
„Mir geht es gut, harter Schädel, weißt du doch. Ich fürchte, das gibt einen schönen blauen Fleck…“
Dann schaut sie zu den beiden Leichen.
„Sind das die, die du gesucht hast?“
„Ja – zumindest zwei davon. Die beiden haben…“, Sanktima versagt die Stimme. Sie sieht von den Schlägern weg ins Dunkle der Höhle hinein, dann räuspert sie sich.
„…sie haben das hier mehr als verdient.“

Kelisha steht auf, zieht mit einem schmatzenden Geräusch ihr Schwert aus dem toten Körper und streift mit dem Handschuh die gröbsten Überreste von der Klinge.
„Und wo ist der Dritte?“
Sanktima zuckt mit den Schultern.
„Keine Ahnung, hier geht es nicht weiter. Vielleicht haben die anderen mehr Glück.“
„Sollen wir zurückgehen?“
Sanktima überlegt. Dann antwortet sie leise:
„Geh du vor und sag den anderen Bescheid. Ich würde gerne noch einen Moment bleiben, nur um sicher zu gehen, dass… das hier vorbei ist.“
Kelisha nickt.
„Ja, lass dir Zeit…“
Dann geht sie den Gang hinauf zurück, um die anderen zu suchen.

Sanktima bleibt allein in er dunklen Höhle zurück, vor sich die zerstümmelten Leichen ihrer Peiniger. Wochenlang hatte sie sich diesen Moment immer wieder ausgemalt, hatte sich vorgestellt, wie erleichtert und froh sie sein würde, wenn sie die beiden tot da liegen sähe, hatte gehofft, dass dann auch endlich der Schmerz in ihrem Innern tot wäre und sie wieder frei. Doch sie hatte sich geirrt. So harmlos sahen die beiden jetzt aus, kaum vorstellbar, dass diese Klumpen Blut und Fleisch zu so unvorstellbarer Grausamkeit fähig gewesen waren. Das war es, was Sanktima am meisten quälte, die Frage nach dem Warum, danach, wie aus Menschen solche Bestien werden konnten. Aber wusste sie die Antwort darauf nicht schon längst? Hatte sie nicht eben selbst am Rande dieses Abgrunds gestanden, dazu fähig, eben diesen beiden Handlangern die gleichen Grausamkeiten anzutun – und schlimmeres?
Traurig wendet sie sich ab. Noch war die Aufgabe nicht erledigt, noch war Mallakai irgendwo hier unten. Sie starrt in die Finsternis der Höhle. War hier wirklich niemand mehr?

Sie sieht sich um und entdeckt in der Nähe des Eingangs ein paar Kisten. Sie geht näher und öffnet eine mit dem Schwert. Darin liegen ein paar schartige Dolche, ein Seil, etwas altes Brot und ein paar Fackeln. Sanktima nimmt eine der Fackeln, geht hinaus auf den Gang, entzündet sie an einer der Feuerschalen und kehrt zurück in die Höhle, um sie genauer zu untersuchen.
Im flackernden Schein der Fackel wirken die verzerrten Gesichtszüge der Leichen so, als wollten sie zu Sanktima sprechen. Sanktima hebt die Fackel und dreht sich weg. Langsam geht sie an der Wand entlang in die Höhle hinein, die sich viel tiefer erstreckt, als es zunächst den Anschein hatte. Kisten stehen ohne erkennbare Ordnung an den Wänden und im Raum verteilt. Getreidesäcke liegen vergessen und verschimmelt achtlos aufeinander geworfen. Es sieht so aus, als wäre dieser Raum lange nicht benutzt worden. Am Ende der Höhle, gegenüber dem Eingang, der jetzt nur noch ein kleines helles Rechteck hinter ihr ist, erkennt Sanktima einen angefangenen Tunnel, der jedoch mit einer massiven Bretterwand verschlossen ist. Scheinbar wurden die Arbeiten an dem Tunnelstück wieder aufgegeben. Also ist dieser Raum wirklich menschenleer. Sie beschließt, nach oben zu den anderen zu gehen und dreht sich dem Höhlenausgang zu.

Da hört sie hinter sich das leise Klicken einer sich öffnenden Geheimtüre, gleich darauf spürt sie den kalten Stahl einer scharfen Klinge an ihrem Hals. Und dann hört sie das Flüstern:
„Wer hätte das gedacht, dass reines Blut so lange lebt. Wie schön, Euch wieder zu sehen…“
„Mallakai!“ Sie wagt kaum zu atmen.
„Ich hörte, Ihr sucht mich? Da bin ich. Und nun, seid so freundlich, werft Euer Schwert fort…“
Als Sanktima nicht sofort reagiert, presst er die Klinge stärker gegen ihren Hals. Aus einem dünnen Schnitt rinnt etwas Blut. Sanktima lässt das Schwert klirrend zu Boden fallen.
„Sehr schön, kluges Kind. Ich konnte Euch von meinem Versteck hier beobachten, die ganze Zeit, Euch und diese Kriegerin. Schade um meine treuen Mitarbeiter, nun ja, es wird sich Ersatz finden. Die Höhle alleine abzusuchen war Euer erster Fehler, meinem Versteck hier den Rücken zuzudrehen, Euer zweiter. Euch jetzt meinen Befehlen zu widersetzen, wäre dann allerdings Euer letzter Fehler…“
„Ihr seid nicht mehr in der Position, Befehle zu erteilen. Dort oben warten meine Freunde nur darauf, Euch in den Malstrom zu schleudern. Ihr kommt hier niemals lebend raus!“
„Eben da irrt Ihr Euch, meine Liebe“, kichert Mallakai. „Ihr seid mein Schlüssel zur Freiheit. Und nun, wenn ich bitten darf, Ihr geht voran – und zwar schön langsam…“

*

„Wie konntest du sie da unten nur alleine lassen!“
„Miltone, beruhige dich wieder, sie wollte noch einen Augenblick ihre Gedanken sammeln, das kann man doch verstehen…“, verteidigt sich Kelisha.
„Jo sicha, das braucht sie, aba trotzdem, du hättest in der Nähe bleib´n soll´n.“, sorgt sich Waldmeister.
„Ach, nun stellt euch nicht so an, sie ist ein großes Mädchen, was soll passieren…“,
Lares war als Letzter wieder zu den anderen in den Vorratsraum gekommen. Die Mine war leer, alle Defias entweder tot oder geflohen, niemand hatte Mallakai gefunden.
„Und du bist sicher, dass er noch hier ist?“, fragt Lares zum wiederholten Male den Jäger.
„I kann Fährten les´n, und Pardus Nase riecht an Furz üba ganze Landstriche, er is´ hier noch irgendwo, wenn ich’s doch sag!“, knurrt Waldmeister zurück.
„Und wo steckt er dann?“

In dem Moment sieht Kelisha, wie Sanktima im Eingang zum südlichen Tunnel steht.
„Da bist du ja!“, ruft sie erleichtert – doch ein Blick in Sanktimas versteinertes Gesicht lässt sie verstummen. Dann sieht auch Miltone den Dolch an Sanktimas Hals und greift sofort zum Schwert. Pardus lässt ein tiefes Grollen hören.

„Guten Abend allerseits“, kichert Mallakai über Sanktimas Schulter hinweg. Sofort reißt Waldmeister den Bogen hoch, doch Mallakai duckt sich schnell wieder hinter Sanktimas Rücken.
„Wie unhöflich! Nun, was kann man anderes erwarten…“
Vorsichtig dirigiert Mallakai sein lebendes Schutzschild vor sich her Richtung Westtunnel, immer eng an der Wand entlang.
„Verzeiht, dass ich Eure Gesellschaft nicht länger ertrage, aber der Gestank in diesem Raum ist einfach bestialisch. Darum werde ich mich jetzt mit meiner kleinen Freundin hier verabschieden. Und denkt nicht einmal daran, mich aufzuhalten…“
Nun sind sie am Westtunnel angekommen, Mallakai zieht Sanktima rückwärts mit sich in den Gang hinein.

Für einen kurzen Augenblick kreuzen sich Sanktimas und Lares Blicke.

Sanktima wirft sich rückwärts gegen Mallakai. Der reißt erschrocken die Augen auf, stolpert und rudert mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Blitzschnell wirbelt Sanktima herum, greift die Hand mit dem Dolch und schlägt sie gegen die Wand, so dass Mallakai die Klinge mit einem spitzen Aufschrei fallen lässt. Eine weitere Drehung, und mit ihrem Ellbogen schlägt sie Mallakai hart vor die Brust. Der ringt japsend nach Atem, stolpert nun endgültig und fällt zu Boden. Schon hat Sanktima den Dolch aufgehoben und sitzt rittlings auf seinem Brustkorb.
Mallakai reißt abwehrend die Hände vors Gesicht.
„Nein, Gnade, im Namen des Lichts, tötet mich nicht...!“
Die Gefährten sind außer sich, wollen Sanktima zu Hilfe eilen, Kelisha ruft:
„Wie könnt Ihr es wagen, im Namen des Lichts um Gnade zu flehen?“

„Bleibt alle zurück.“
Sanktimas Stimme ist ganz ruhig, und doch bleiben alle wie angewurzelt stehen.

Mallakai klingt, als würde er schluchzen, sein Körper bebt, aber als er langsam die Hände vom Gesicht nimmt, sieht Sanktima, dass er kichert. In seinen Augen flackert der Wahnsinn.
„Und? Was wollt Ihr nun tun? Wem wäre damit gedient, wenn Ihr mich jetzt tötet? Andere werden meinen Platz einnehmen, andere werden die Sache zu Ende bringen!“
„Es gibt keine anderen mehr, Ihr seid der Letzte, mit Euch stirbt auch dieser unheilvolle Orden…“
Mallakai lacht hell auf.
„Ihr irrt Euch Sanktima, seid ihr denn blind? Wenn es den Orden der ewigen Hüter nicht mehr gibt, dann werden andere kommen. Gerade in Zeiten wie diesen, wo alles immer komplizierter und verwirrender scheint, sind die Straßen voll von verängstigten Seelen, die nur auf einen Anführer warten, der kommt und mit dem Finger auf jemanden zeigt und sagt: Der hat Schuld! Und dann rennen sie und dann töten sie und dann glauben sie, sie wären gerettet. Mich zu töten wird daran gar nichts ändern…“
Nachdenklich schaut Sanktima auf Mallakai hinab.
„Nun, vielleicht nicht, aber es wird auch nicht schaden…“
Mallakai kichert.
„Ihr seid witzig, wirklich witzig. Aber seid Ihr wirklich sicher, dass es nicht schadet? Könnt Ihr wirklich einen hilflosen alten Mann töten, der zitternd zwischen Euren Schenkeln liegt? Was macht das aus Euch? Ihr wärt niemals wieder die, die ihr mal wart…“
„Ich bin schon jetzt nicht mehr die, die ich mal war – dank Euch…“
„Oh bitte, beklagt Euch nicht. Diese Erfahrung hat Euch doch stark gemacht. Sie hat das reine Blut in Euch erst zum Vorschein gebracht, Euch klar gemacht, wer Ihr seid und welches Erbe Ihr in Euch tragt!“
Mallakai grinst und zwinkert Sanktima verschwörerisch zu.
„Wenn Ihr mich jetzt tötet, werdet Ihr die Last dieses feigen Mordes bis ans Ende Eurer Tage zu tragen haben…“
Sanktima nickt ernst.

„Ich denke, damit kann ich leben.“
Dann schneidet sie ihm die Kehle durch.

Epilog:


Eine kleine Waldlichtung, hell im Licht der ersten Frühlingssonne. In der Nähe plätschert leise ein Bach, die ersten Blumen zeigen sich zaghaft zwischen dem Wiesengrün. Waldmeister und Sanktima haben sich gerade geliebt, liegen nun erschöpft eng aneinander geschmiegt auf dem Umhang, den Waldmeister für seine Liebste auf dem weichen Waldboden ausgebreitet hat.

Gleich nachdem sie aus dem Jangoschacht in den Wohnbaum zurückgekehrt waren, hatte Sanktima eine kleine Tasche gepackt und war mit Waldmeister hinaus in die Wälder gegangen, ganz so, wie er es ihr versprochen hatte. Und der Wald hatte sie aufgenommen, sie im Dämmerlicht in den Schlaf gewiegt, ihre Seelen getröstet, sie geheilt und schließlich von aller Schuld befreit.

Nachdenklich streicht der Nachtelf über eine der vielen Narben, die sich als helle Linien überall auf Sanktimas Körper abzeichnen.
„Jetzt bist du mei Gefährtin, ganz und gar. Bist glücklich, mein Liabste?“
Sanktima legt ihre flache Hand sanft auf Waldmeisters Brust und lächelt ihn an.
„Ich könnte nicht glücklicher sein…“
„Guat, denn i binz a.“

Gedankenverloren lässt sie den Zeigefinger durch sein Brusthaar kreisen.
„Es ist noch nicht zu Ende, oder?“
„Nein, mei Schöne, dass is´ nie…“