Sanktima und das Erbe des Blutes

 

"Zeitlose Zeit"
(Auszug aus dem noch unfertigen Hinterwald-Zyklus)

 

Dem Dorfältesten Bartl und mir war es beim Maisfest zu laut geworden. Manche der Hinterwäldler hatten sich um das hohe Feuer in Extase getanzt und sangen lauthals dabei, doch mehr als ein schrilles, vergnügtes Kreischen war das nicht. Wir setzten uns etwas abseits auf einen kleinen Hügel, bauten unsere eigene kleine Feuerstelle und sahen zu den Tanzenden, die wir jetzt nur noch als springende Silhouetten wahr nahmen.

Ich nestelte meine Taschenuhr raus und es war tatsächlich wieder sehr spät geworden.
„Zu was brauxt den des, Hephi?“, zeigte Bartl fein lächelnd auf die Uhr.
„Um zu sehen, wie spät es ist?“, staunte ich ihn an.
„Und zu was musst das jetzt grad wiss’n?“
„Na, um zu wissen wann es Zeit ist schlafen zu gehen“.
„Da brauxt a Uhr, die dir zeigt, wennzt müd’ bist?“ Sein Lächeln wurde breiter, frecher.

Wieder einmal wusste ich auf eine seiner Fragen keine Antwort und stocherte mit einem dünnen Ast im Feuer herum.
„Und? Is’ es Zeit schlaf’n zu geh’n?, bohrte er weiter und schmunzelnde in die aufprasselnden Flammen.
„Bartl, quäl mich bitte nicht“, grinste ich zurück.
„Na wirklich, i’ tät’ das gern wiss’n. Gib mir amal das Ding!“ Er streckte seine mächtige Pranke aus und zögernd gab ich im die Uhr. Lange starrte er mit gerunzelter Stirn auf seine Handfläche und warf sie plötzlich mitten ins Feuer. Entsetzt stürzte ich hin, wollte sie mit meinem Ast heraus zu fischen, aber Bart hielt mir einen dicken, brennenden Pflock vors Gesicht.
„Lass sie drinnen“, murmelte er grimmig.

Eine Weile saßen wir nebeneinander, er gut gelaunt und ich weniger. Ich sah, wie das Glas zersprang, wie das Zifferblatt brannte und sich die Zeiger einringelten.
„Musst jetzt sterb’n?“, sah er mich von der Seite her an.
„Warum sterben?“
„Na jo, jetzt hast ja ka’ Zeit mehr. Deine is’ abgelaufen, also hopp – hol dir an’ weißen Fetz’n und fang an a Grube zu schaufeln. Ka’ Minute liegt mehr vor dir“.
„Bei allem Respekt, Bartl – den Sinn einer Uhr hat dir noch nie jemand erklärt, oder doch?“
„Na, noch nie. Und i’ hätt ihm auch net zug’hört.“
„Dann brauche ich dir nicht zu erklären, warum sie für mich so wichtig war.“
„Na, das brauxt net.“ Er schüttelte energisch den Kopf.

Wieder saßen wir eine Zeit lang schweigend nebeneinander und sahen mal den allmählich müde werdenden Tänzern zu oder stierten ins Feuer.
„Jetzt bist sauer auf mi’“, stellte der Alte schließlich fest.
„Wundert dich das?“, erwiderte ich.
„Jo Hepherl. I’ hab dir nämlich grad viel Leben geschenkt“, nickte er.
„Ah – danke!“
„Jo, denn jetzt g’hörst wieda dir selba und es gibt ka’ Zeit mehr für di’, lächelte er versöhnlich.
„Keine Zeit?“, antwortete ich verstört und sah, wie sich das Uhrengehäuse verformte und aufsprang, so dass man die rotglühenden Innereien sehen konnte.
„Richtig – ka Zeit mehr“, bekräftigte der Alte. „Jetzt gehst schlaf’n, wenn dir die Aug’n zufall’n und stehst erst auf, wennzt ausg’schlaf’n bist. Wennzt was zu arbeit’n hast, dann machst es und dann machst was anderes. Wennzt an’ Hunga hast, frisst was und wennzt an schweren Arsch hast, gehst kack’n. Wennzt geil wirst, schmierst di’ an dei’ Frau und wenn die net mag, bist liab zu deina Faust. Wennz dunk’l wird, zündest a Licht an, wennz hell wird, machst es wieda aus. Ka’ Platz für a Uhr.“
„Manchmal ist es aber wichtig, schnell zu sein und nach Plan zu handeln.“
„Jo, das schon. Wenn i’ bei eina Wildsau mim Bogen daneben schieß’ und die greift mi’ an, dann renn i’ wie der Wind und überleg mir dabei guat, wohin i’ renn. Nur brauch i’ dazu ka’ Uhr.“

„Wir leben in zwei verschiedenen Welten, Bartl“, erwiderte ich nach einigem Überlegen lahm.
„Bisher vielleicht“, grinste er, fischte mit einem Stöckchen die freiliegende Spannfeder der Taschenuhr aus der Glut und wedelte damit vor meinem Gesicht herum. „Jetzt nimma, jetzt hast ja ka’ Uhr mehr und bist wieda z’ruck ’kommen inz wirkliche Leb’n.“
„War mein bisheriges nicht wirklich?“
„Na, das war’s net. Ihr Menschen renntz herum wie gnomisches Kinderspielzeug: Irgend eina steckt euch hint’ an’ Schlüssel inz Hirn, dreht dran, spannt damit so a Metallfeda wie die da, zieht euch auf, stellt euch in seine Wunschrichtung und ihr marschiert los. Eure Schritte mach’n tick – tack – tick – tack, wie die Uhr in eurer Birn’. A Teil eina Maschine seidz ihr g’worden und das auch noch freiwillig. Und genau so austauschbar, wennz amal nimma funkzionierz. A echtes Leb’n is’ das net.“

Ich war wieder mal schläfrig geworden, wie so oft bei Gesprächen mit dem weißbärtigen Dorfältesten. Nicht die Dauer dieser ließ mich müde werden, sondern seine Art zu denken, zu der ich keinen Zugang fand. Ich stand auf, klopfte ihm schweigend auf die Schulter und ging rüber zu den Hütten auf der anderen Seite des kleinen Talkessels. Dabei vermied ich es, mich umzudrehen, ich wollte sein Grinsen nicht auch noch sehen. Es reichte, dass es mir im Rücken brannte.

 


© by Lambert Fischer, Juni 2011